Neugierde. Damit spielt die Ankündigung, die Montag Abend von CYNAL, einer Infoseite für Kunst in Dresden, durch meine Facebook-Timeline fliegt. Nachher solle eine Ausstellung stattfinden, „Unterführung am Goldenen Reiter, Zugang über den Eingang an der Augustusbrücke um 02:00 Uhr morgens in der Nacht.“

Neugierde. Ich setze mich kurzentschlossen in die Bahn (kurze Atmo) und fahre hin. Und tatsächlich: kurz vor zwei Uhr wartet bereits ein Grüppchen Besucher vor der Unterführung. Was hier aber stattfinden soll, weiß keiner so recht. Vielleicht eine Performance? Schließlich gelangen wir in die Unterführung und es ist ein ziemliches Chaos. Am Boden liegt Alufolie verteilt, in dem sich das Licht der Kerzen, die die einzige Beleuchtung sind, reflektiert.

An der kalten Wand klebt Seite für Seite Bruce Goldsteins Einführung in die Wahrnehmungspsychologie. Das sei ein Standardwerk für alle Psychologie-Studierende, sagt Albert, der die Installation geschaffen hat. Und obwohl er Künstler ist, interessierte auch er sich anfangs für die psychologische Literatur:

Letztendlich habe ich aber festgestellt, dass das gar nicht so funktioniert, man muss da irgendwie anders rangehen, das funktioniert so nicht. Man muss dem Zufall mehr Raum geben, dass dann einfach irgendwas passiert.

Albert

In dieser Nacht wird der Zufall der Wahrnehmung nachvollziehbar. Die Besucher gehen mit ihren Kerzen an der Wand entlang, überfliegen die aus dem Zusammenhang gerissenen Seiten. Rechts oben sehe ich Seite 715 von Goldsteins Einführungswerk und lese: „Semantik. System der Bedeutung der Begriffe und Wörter einschließlich der Regeln, die festlegen, welche Arten von Wörtern in einem gegebenen Satzrahmen ausgetauscht werden können.“

System der Bedeutung und Begriffe. Was wird wahrgenommen, was nicht, was ist austauschbar? Auch wenn dem Zufall überlassen ist, was genau die Besucher in dieser Nacht wahrnehmen – der Ort, die Werke, sind es nicht. Albert interessiert sich für die großen Themen.

Und deswegen habe ich dieses Setting hier gewählt, weil der Raum ja abgesperrt ist durch die Überschwemmung, durch eine Naturkraft, durch eine Naturgewalt, durch Wasser. Und das Wasser spielt ja auch eine ganz große Rolle für die Entwicklung dieses Lebenskörpers, den wir quasi bilden und der wir sind und den wollte ich hier dann einfach an die Wand bringen, um dann zu sagen: ‚Hier, guck mal, das bist du! Nimmst du ein bisschen wahr?‘ Aber letzten Endes: Was fängst du damit an?

Albert

Tja – was fangen wir damit an? Eine Antwort gibt das Gedicht, das Albert zwischen den Seiten des Lehrbuchs versteckt hat und das heißt: Die Aufgabe ist nicht die Aufgabe, es ist nur eine Aufgabe. Vielleicht auch Aufgabe, mit dieser Kunst einen Gegenpol zu schaffen, wie Jonathan meint. Er hat die Ausstellung mit Gemälden ergänzt, die nun auch hier im Kerzenlicht in der Unterführung hängen.

Es sind jetzt ja im Moment ganz viele Hochschulausstellungen und es ist die Jahresausstellung, nächste Woche ist Diplomausstellung, dann haben wir die Ostrale, dann haben wir die dazugehörigen Ausstellungen von den ganzen offiziellen Galerien – ich sehe es schon so ein bisschen als kleinen Gegenmoment dazu.

Jonathan

Gegenmoment, Kunst, conditio humana, Natur, Mensch. Albert sagt noch, dass das ja recht schwierig gewesen sei, alles spontan zusammenzufassen. Ich hätte so unerwartet gefragt und dann das Interview; ob ich halbwegs verstanden hätte, worum es geht. „Ja“, sagt meine Wahrnehmung. Dazu ist es nie zu spät.