So unterstütze sie finanziell die Tamil Tigers, eine Separatistenbewegung während des Bürgerkrieges in Sri Lanka, und sie veröffentlichte ein Video, in dem ausschließlich Personen mit roten Haaren festgenommen und hingerichtet werden. Aktuell sieht sie sich einer Klage der NFL gegenüber, da sie bei ihrer Halbzeitperformance des Superbowl im Jahr 2012 so ziemlich jedem Amerikaner vor den Fernsehbildschirmen den Mittelfinger zeigte. Provokation und unangepasstes Verhalten gehörten bei M.I.A. schon immer dazu.

Die Frage, ob ein Musiker sich auch zu politischen Themen äußern kann/darf/soll oder sogar muss, muss sich letztlich der Rezipient selbst beantworten – ob er will, oder nicht. Von M.I.A. wird er jedenfalls keine Antwort erhalten. Ihre Statements stehen häufig zusammenhangslos als markige Sprüche im Raum („M.I.A. mudra middle finger/Fuck ‚em other bitches that try to be my ringer/This time I come as singer/Next time ill come as pain/I ain’t talking money/But I can make it rain […]“) ohne dass ein roter Faden oder größerer Kontext zu entdecken wäre. Manchmal ist einem nicht so ganz klar, wogegen Arulpragasam eigentlich kämpft. Irgendwie ist sie gegen alles und jeden. Gegen Establishment, gegen Konsum und Überwachung. Protest und Kommerz verschwimmen, während die Künstlerin auf Twitter gegen MTV wettert und ein Bild ihres goldenen MacBooks bei Instagram hochlädt. Und so fragt man sich, ist das nun authentisch oder einfach nur gut gemachte PR? Die Antwort der Musikerin darauf ist Protest – zu PR-Zwecken oder nicht. Als ihr Label Interscope die Veröffentlichung von Matangi wiederholt verschob, drohte M.I.A. kurzerhand damit, die Platte selbst auf ihrem Twitteraccount zu leaken. Angepasst hat sich die Musikerin noch nie und mit Matangi hat sie ganz sicher nicht vor, damit anzufangen.

Ihr viertes Studioalbum bietet einige musikalische „Bretter“: echte Clubnummern, die vor allem laut gehört werden müssen und stellenweise wütend, manchmal fast stumpf daherkommen. Dennoch macht M.I.A. das, was sie besser kann, als die Meisten: Sie schafft eine authentische Verbindung von Musikstilen aus aller Welt – Raggae, Trap, Hip Hop, Oriental, Badjans. Maya kombiniert wild und macht Weltmusik. Culture Clash war nie ein Problem, sondern eine Inspirationsquelle der studierten Grafikerin. Acht Jahre nach ihrem Debüt ist M.I.A. noch immer die Institution, wenn es um innovativen Sound und musikalische Symbiose geht. Tanzbar wie eh und je macht sie mit Songs wie YALA, Bring The Noise oder Double Bubble Trouble dem Publikum einmal mehr klar, M.I.A. steht für musikalische Evolution. Auf Matangi definiert sie aber auch das für sich neu.

In Double Bubble Trouble wird ein alter 90er Jahre Hit der Band Shampoo mit Raggae unterlegt und mit Exodus und Sexodus finden sich zwei Songs auf dem Album, die annähernd identisch klingen. Die Zusammenarbeit mit Abel Tesfaye aka The Weeknd hätte dann doch etwas fruchtbarer sein können und so sind diese beiden Songs die schwächeren der Platte. Ferner ist es nicht immer angenehm, zu hören, wie M.I.A. mit ihrem traplastigen Sound in Richtung Großraumdiskothek schielt, aber ich bin mir sicher, diese Platte wäre vor einem Jahr noch vollkommen anders rezipiert worden, als heute. M.I.A. wurde von Diplo, seinem Projekt Major Lazer und Baauer (um nur einige Größen des Trap – Genres zu nennen) schlichtweg überholt. Und so bleibt eine Frage offen: Braucht die Welt dieses Album oder ist M.I.A. mit ihrem sonst so innovativen Sound ein wenig zu spät? Nein, ist sie nicht. Man muss sich vor Augen halten, dass dieses Album bereits im Dezember 2012  erscheinen sollte und somit weit vor den diesjährigen Veröffentlichungen von Diplo und Major Lazer gelegen hätte. Baauer’s Harlem Shake wurde auch erst im Februar 2013 wirklich viral. Das Urteil, M.I.A. habe gerade einen sehr gängigen Sound, würde ihr nicht gerecht werden. Innovation hin oder her – M.I.A. steht darüber. Sie zückt den Mittelfinger und sagt einfach zu sich zu jedem, der es hören will: „I’m so tangy, people call me Mathangi/Goddess of word, bitches I’mma keep it banging […]“