Zunächst war da die Aufregung: nach sechs Jahren kommt die neue Notwist, und Sub Pop sitzt auch im Boot. Erste Klangschnipsel klangen ungewohnt, experimentell, spannend. Schnell machte sich Begeisterung breit, als die zweite Single „Kong“ in gewohnter Weilheimer Manier zum Indie-Hit mutierte.

Nach den ersten Durchläufen stellte sich dann aber eine ungewohnte Irritation ein. Es war schwer sich fallen zu lassen, vieles auf Close To The Glass war unbequem. Insbesondere die ersten Stücke eröffnen das Album mit Beats aus dem Industriegebiet. Unmenschlich, kalt, triefend vor Melancholie. Und das bringt uns zum Kern des Problems: Ohne die rettenden Melodien fehlt es an Balance.

Schon immer hat Markus Achers Stimme eine tiefe Melancholie in die Notwist-Songs eingebracht, doch der Rest der Band vermochte es, die Tristesse zu kontern. So entstand große Musik aus dem großen Kampf um die Gefühle der Hörer. Auf Close To The Glass zerren Musik und Stimme gemeinsam in den Strudel. Wer lässt sich darauf ein?

Der Eindruck fraß sich fest und überschattete den Rest der Platte. Die Wirkung war beängstigend, ich verlor die Lust zum Hören. Doch die Songs kreisten weiter in meinem Kopf, der Eindruck ließ mich nicht los. Andere Facetten schoben sich in den Vordergrund und vertraut scheinende Notwist-Songs wie „Seven Hour Drive“ offenbarten sich. Doch das Bild ließ sich nicht in Gänze betrachten, ständig neue Aspekte überlagerten sich wie in einem Spiegelkabinett.

Die Lösung brachte schließlich die vollkommene Hingabe. Close To The Glass gehört zu diesem kleinen Kreis von Alben, die sich nur erschließen, wenn man sich komplett auf sie einlässt. 44 Minuten einem einzigen Medium zu schenken fällt unserer Generation bekanntlich schwer, doch Notwist verdienen Respekt für eine Platte mit dieser emotionalen Wirkung. Jeder kann sich selbst auf das Experiment einlassen, dass Close To The Glas liefert. Man muss nur darauf gefasst sein, dass der erste Blick im Spiegelkabinett nie die das ganze Bild enthüllt.