Im „Gehörgang“ werden die Leute durch den Weberbau von Station zu Station geleitet. Performances zu Musik, Liedtexte, die im Raum hängen, oder Gespräche über Musik, die aus den Boxen eines Radios erschallen.

Wenn man von Theater spricht, ist das leider für ganz viele Leute noch klassisch: Ich setze mich hin, habe einen Guckkasten. Und ich persönlich mag solche offenen Formate lieber, bei denen man noch etwas exploriert.

Silvio Paasch, Regisseur des „Gehörgangs“

Die Gespräche stammen dabei von den Schauspielern selbst. Die Ergebnisse der Proben landeten also im Stück.

Herausgekommen sind ganz viele verschiedene Einsichten in das, was Musik sein kann. Oft ist das auch eine ganz persönliche Frage: und wer etwas auf sich hält, hält auch etwas auf seinen Musikgeschmack.

Jeder hat gesagt: Das ist meine Playlist und ich höre die beste Musikrichtung, weil. Aber ich hatte auch meine eigene Playlist und die war besser als die anderen, weil es ja schließlich meine war. Es ist eben echt schwierig, mit den verschiedenen großen Egos klarzukommen.

Henrietta Dörries, Schauspielerin beim „Gehörgang“ und Studentin an der TU Dresden
Liedtext von Metallicas "Nothing Else Matters" im "Gehörgang" (Foto: Jan Wetzel)

Liedtext von Metallicas „Nothing Else Matters“ im „Gehörgang“ (Foto: Jan Wetzel)

Auch der eigene Geschmack findet sich in den Stationen wieder. Da erkennt man Texte seiner Lieblingslieder wieder, da summt man unweigerlich bei Ohrwürmen mit, die ihren Platz im „Gehörgang“ gefunden haben. Gerade in den Erinnerungen, mit denen Musik immer verbunden ist, wird ihr innerlicher Charakter deutlich. Musik ist mit Lebensphasen verbunden: man denke nur an Lieder, die mit einer geliebten Person verbunden -- und nach dem Ende der Beziehung erst einmal ruiniert sind. Anders als die Fotos, die dann aus einer solchen vergangenen Zeit zurückbleiben, ist die Klanglichkeit der Musik aber nie eine solche Wahrheit, wie es Bildlichkeit suggeriert. Musik ist also im wahrsten Sinne des Wortes „unbegreiflich“, meint auch Silvio Paasch.

Es ist einfach so: man hat seine eigene Perspektive auf Musik und das ist nicht die Wahrheit – das sehen andere Leute ganz anders. Und das ist es auch, was dieser Gehörgang versucht zu vermitteln, nämlich ein Stückchen zur eigenen Definition von Musik zu geben und zu fragen: Was denkst du darüber?

Silvio Paasch, Regisseur des „Gehörgangs“

Unweigerlich stellt sich bei diesen Szenen auch die Formatfrage von Musik. Die Aufnahmen kommen von Musikkassetten – ein Format, das außer von Liebhabern kaum mehr genutzt wird. Wenn aber das Ohr in künstlichen Theatersituation gespannt wird, wird dann nicht auch der Raum selbst zum Instrument? Das Schlagen gegen die Heizungsrohre etwa in einer Performance, das Klirren, das sich durch den Weberbau verbreitet: Ist das nicht – mit John Cage gesprochen – auch Musik? Popmusik als kulturelles Artefakt und Klanglichkeit als physikalische Bedingung verbinden sich im „Gehörgang“ und schaffen regelmäßig interessante Stimmungen.