Alexander Rumpf

Mein Highlight des letzten Halbjahres

PUP – The Dream Is Over

Im Vergleich zu ihrem exzellenten, selbstbetitelten Debütalbum haben PUP aus Toronto auf ihrem neuen Album The Dream Is Over wenig verändert, und das ist auch gut so. Der Sound ist weiterhin geprägt von melodischen Gitarren und zweistimmigen Chören, die sich mit dem galoppierenden Schlagzeug förmlich ein Wettrennen liefern. Neu sind hier und da einige Industrial-Einflüsse, die sich in Form von schleif- und bohrmaschinenartigen Riffs präsentieren und der Platte einen etwas roheren Sound als dem Vorgänger verpassen. Über allem thront die markante Stimme von Stefan Babcock, der sich nach 200 Konzerten 2014 einer Stimmband-OP unterziehen musste und dem der behandelnde Arzt daraufhin prophezeite „The Dream Is Over!“.

Nun ist PUP immer noch da und Babcock klingt so ungesund wie eh und je. Dass offenbar nicht nur die Stimme unter dem vielen Touren gelitten hat, offenbart der Opener „If This Tour Doesn’t Kill You, I Will“: Im dazugehörigen Video verprügeln, überfahren, verbrennen sich die Bandmitglieder gegenseitig, nur um zum Schluss wieder gemeinsam auf der Bühne zu stehen. „Bandmitglieder sind wie Geschwister, am Ende des Tages weißt du, dass du sie doch liebhast“, sagt Babcock dazu im Interview. Dass sich die brüderliche Liebe auszahlt, zeigt sich an den vielen Nominierungen, die PUP mit ihren Platten und Videos schon eingeheimst haben – auch The Dream Is Over ist bereits wieder für den einflussreichen Polaris-Prize nominiert. Der zweite Track, „DVP“, tritt keine Sekunde nach „If This Tour Doesn’t Kill You“ förmlich die Tür ein und schafft damit den wohl kraftvollsten Songübergang, den man seit langem – wenn überhaupt schon einmal – gehört hat. Zu den düsteren Texten über kalte kanadische Winter, alkoholinduzierte Beziehungskrisen und Zweifel der Mitmenschen am eigenen Tun kann man gut mit den Fäusten Luftlöcherstanzen, aber auch seine Wut auf Uniarbeiten kanalisieren – falls man vom Mit-Schreien noch Luft hat. The Dream Is Over ist die bisher mitreißendste Platte des Jahres.

Anspieltipps – DVP Sleep In The Heat

The Dream Is Over

BY

PUP

Release

27.05.2016

Label

SideOneDummy Records

Ansgar Wagenknecht

Mein Highlight des letzten Halbjahres

Fjørt – Kontakt

Stille… Kindergemurmel… plötzlich ein Basssound, der in die Knie zwingt, eine Gitarre die nochmal nachtritt und anschließend melodiös auf dem Hörer herumtanzt – dazu Gesang, oder besser: Geschrei, das durch Mark und Bein dringt. Bereits mit dem Opener „In Balance“ offenbaren Fjørt, was auf Kontakt Programm ist: Vor der Wucht des Aachener Trios gibt es kein Entkommen und losgelassen wird bis zum Ende des Albums niemand mehr. Dabei zeigt sich der Post-Hardcore von Fjørt  auf ihrem Zweitling vielseitiger und zugänglicher als auf dem Vorgänger D’Accord und der Demontage–EP, ohne dabei die altgewohnte Härte zu verlieren. Kontakt ist gleichzeitig wuchtig und ausgefeilt, bietet ebenso Bretter, wie die bisher eingängigsten, zuweilen fast tanzbaren Schnörkelmelodien („Anthrazit“) im Fjørt-Werk.

Genau so überzeugend wie die Saitenarbeit von Gitarrist Chris Hell und Bassist David Frings ist das Schlagzeugspiel von Frank Schophaus. Dieser jagt zumeist das die Saitenfraktion nach vorne, kann sich aber, wie in „Mantra“, mit weniger polternden aber abwechslungsreichen Rhythmen gut zurücknehmen. So wird auch den ruhigeren  Momenten der Platte eine atmosphärische Tiefe verliehen. Atmosphäre ist ohnehin die große Stärke der Band. Vom ersten bis zum letzten Ton von Kontakt erzeugt das Trio ein unverwechselbares, unfassbar fesselndes Soundgewand.  Zweiter Grund für die Stärke der Platte sind die gewohnt sensiblen, oft zutiefst persönlichen, manchmal politischen Texte. Wie es sich für intelligenten Deutsch-Rock gehört, geht es meistens eher kryptisch zu, sodass viel Spielraum für Interpretationen bleibt. Wenn Hell und Frings ihre Zeilen aus ihrem tiefsten Innern schreien, sei es um pure Verzweiflung auszudrücken oder ihrem Gegenüber ihre Wut ins Gesicht zu brüllen, zieht es einem ordentlich die Kopfhaut zusammen. In Kombination mit ihren Soundwänden schaffen Fjørt mit Kontakt ein Album, das in seiner Dichte und Intensität wohl nicht nur in diesem Jahr seinesgleichen sucht.

Anspieltipps – Anthrazit & Mantra

Kontakt

BY

FJØRT

Release

22.01.2016

Label

Grand Hotel Van Cleef

Céline Marten

Mein Highlight des letzten Halbjahres

Hinds – Leave Me Alone

Wenn eine Band eine Spotify-Playlist erstellt, die den Namen music that gives us hope in rock ´n´roll trägt, klingt das schon mal sehr vielversprechend. Noch besser ist es, wenn sie ein Album herausbringt, das uns an die Blütezeit des Rock erinnert, ohne dabei nostalgisch, sondern unserem Jahr entsprechend zu wirken.

Die Rede ist von Hinds und ihrem im Januar erschienenen Debütalbum Leave Me Alone. Die vier Madrilenen – das sind Carlotta Cosials, Ana Perrote, Ade Martin und Amber Grimbergen haben ein perfekt unperfektes Album geschaffen. Ihre Musik ist von LoFi-Sounds, Indie-Rock, Garagepunk und einer Prise Psychedelic geprägt und erinnert dabei an Velvet Underground, The Strokes, The Libertines und die Beach Boys.

Am besten beschreibt man Leave me Alone so: Man nehme 60s Gitarren, prägnante Riffs, verinnerlicht den Retro-Sound, dazu eine Fuck-Off-Attitude und 4 wahnsinnig charmante und lässige Spanierinnen und erhalte einen ehrlichen und gut hörbaren Gitarrenrock.

Eins ist unüberhörbar: Hinds klingen nicht so makellos, poliert und glatt wie der Standard der Gegenwart. Ganz im Gegenteil, es klingt spontan und unperfekt. Doch genau darin liegt die Perfektion dieses Albums und damit strotzt es nur so vor Energie, Selbstbewusstsein, Unabhängigkeit, Lässigkeit und Authentizität. Dies ist wahrscheinlich auch der kurzen Zeit, in der das Album aufgenommen wurde, zu verdanken. Denn neben unzähligen Festivals (zuletzt Glastonbury), einer Welttournee, Bier und noch mehr Bier und den unzähligen Zigaretten sind sie momentan auch sehr beschäftigt.

Es lässt sich abschließend sagen, dass sie selber mit ihrer Musik dem Rock´n´Roll wieder Hoffnung schenken. Dass es sich hierbei auch noch um eine rein weibliche Band in einer bisher männerdominierten Musikrichtung handelt, gibt dem Ganzen noch mehr Hoffnung.

Viva Hinds!

Anspieltipps – Castigadas en el granero & Chili Town

Leave Me Alone

BY

Hinds

Release

08.01.2016

Label

Lucky Number Music Limited

Eric Gäbler

Mein Highlight des letzten Halbjahres

Get Well Soon – Love

Liebe ist sicher eins der  meistverwendeten und ausgelutschtesten Themen in der Kunst sowie der Popmusik. Sich trotzdem vorzunehmen, ein ganzes Album danach auszurichten und dem Kanon der Liebesschnulzen noch eine weitere Perle hinzuzufügen, stellt eine der größten Herausforderungen für jeden Musiker dar. Tocotronic haben  letztes Jahr eindrucksvoll bewiesen, dass es geht. Doch während Dirk von Dates mit sich selbst singt und sich mit dem Gefühl,  wie es ist, das erste Mal verliebt zu sein, Emotionen und Nähe im weitestgehend positiven Sinne beschäftigt, erzählt uns Konstantin Gropper –  der Kopf hinter der Band Get Well Soon – auf dem Album Love Geschichten von urinierenden Professoren, Heiratsschwindlern und Zusammenbrüchen während der Taxifahrt nach Hause. Mit Titeln wie „It’s A Tender Maze“, „It’s An Airlift“ und „It’s A Mess“ bringt  er uns, ohne die Platte gehört zu haben, schon eine ungefähre Andeutung dessen, was sich dahinter verbirgt. Romantik ist nun mal  unrealistisch, so Gropp er.

Love stellt das  bislang vierte Album des Mannheimer Multiinstrumentalisten dar und ist auf gewohnte Weise melancholisch und klanglich ausgereift, die Songs versprühen eine dichte und düstere Atmosphäre, bei der nichts überladen klingt, man jedoch beim wiederholten Hören immer wieder etwas Neues entdeckt. Auch neu ist die für seine Verhältnisse etwas überdosierte Portion Pop, die den Nebel etwas lichtet und mit überraschenden melodischen Refrains auch gerne zum Tanzen einlädt.

Man könnte ihm unterstellen, dass seine Art, Konzeptalben zu produzieren, „Filmmusik“ hervorriefe, jedoch wäre der Titel „Serienmusik“ viel treffender. Das Album hört sich an, als wäre es einer Krimiserie entsprungen, was sich in den Videos zu „It’s Love“ und  „It’s A Catalogue“ klar und deutlich widerspiegelt. Jeder Song beinhaltet Charaktere , die sich nach und nach frei von Ironie und jeglichen Klischees entwickeln und immer mehr von sich preisgeben.

Love ist der schöne Versuch,  Liebe mit Anspruch auf Unvollständigkeit zu definieren.

Anspieltipps – It’s LoveIt’s A Catalogue

LOVE

BY

Get Well Soon

Release

29.01.2016

Label

Caroline International

Lara Bühler

Mein Highlight des letzten Halbjahres

DMA’s – Hill’s End

Vielen jungen Bands wird heutzutage nachgesagt, sie klingen wie die alten Größen der Musikgeschichte. So auch DMA’s, deren Klang verdächtig nah an den Britpop-Wurzeln der Gründerväter Oasis verläuft. Obwohl die vierköpfige Band aus Australien stammt, vereinen sie die Klänge von der Insel in jeder erdenklichen Stimmung auf Hill’s End, woran der Produzent des Albums, Mark “Spike” Stent, der schon ihre Vorbilder abgemischt hat, nicht ganz unschuldig ist.

Die Lieder „Timeless“ und „Too Soon“ sind energiegeladene und durchaus tanzbare Songs, wohingegen „So We Know“ eine eher melancholische Ballade ist. Das Herzstück des Albums ist mit dem Song „Delete“ auch ein ruhiger Track, der durch rhythmische Gitarrenklänge besonders ausgeschmückt wird. Des Weiteren finden sich viele eingängige Songs, die mit sorgsam konstruierten Melodien und Harmonien glänzen, auf Hill’s End: „Straight Dimensions“ klingt sehr locker und beschwingt, das gleiche gilt für „Blown Away“ oder „Step Up the Morphine“. Auch elektronische Elemente, wie im Intro zu „Melbourne“ oder im Song „The Switch“ finden ihren Eingang. Alle Tracks haben jedoch eines gemeinsam: Sie sind deutlich von den Klängen der E- und Akustik-Gitarre dominiert, geschmückt mit vielen Arpeggios statt starrer Akkorde. Insgesamt sollte man jedoch keine harten Klänge erwarten – Hill’s End trumpft durchweg mit einer sanften Leichtigkeit auf.

Bei Songs wie „Lay Down“, das wie „Supersonic“ von Oasis anmutet, betont die Band klar ihre Inspiration. Doch klingen Tommy O’Dell, Matt Mason und Johnny Took eher so, als hätten sie den Klang der besten Alben der Gründerväter gesammelt und auf eine neue Platte gepresst. DMA’s sind daher eindeutig keine Coverband sondern bescheren uns ein Revival des Sounds der Brotpop-Größen

Anspieltipps – Delete TooSoon

Hills End

BY

DMA’S

Release

26.02.2016

Label

Illusive Sounds Pty Limited

Maria Posselt

Mein Highlight des letzten Halbjahres

Vita Bergen – Disconnection

Schon des Öfteren haben unsere schwedischen Nachbarn ihr Händchen für gute Musik unter Beweis gestellt. Vita Bergen machen ihrem Land in Bezug darauf besonders große Ehre. Denn die sechsköpfige Band aus Göteborg ist keine dieser schwedischen Neuentdeckungen, die sich mit altbekannten Indie-Klängen zufrieden gibt. Bereits 2014 heimsten die Schweden mit ihrer gleichnamigen EP so einiges an Anerkennung und Lob ein. Grund dafür ist wohl der außergewöhnliche und abwechslungsreiche Stil Vita Bergens, Musik zu machen.

Ihr Debüt Disconnection ist eine Achterbahnfahrt der Instrumentalisierung, ein Auf und Ab der Gefühle. Von wilden Synthesizern und zarten Pianoklängen bis hin zu treibenden Gitarrenriffs hat die Platte alles zu bieten. Gerade wenn man glaubt ein Konzept erahnen zu können, wirft die Platte einen zurück, legt eine abrupte Kehrtwende ein oder zeigt neue Horizonte auf. Die zahlreichen kompositorischen Ideen und Überraschungen würden sicher auch für mehr als die dreißig Minuten des Debüts ausreichen – Langeweile ausgeschlossen.

William Hellström, Frontmann und Sänger der Band, steckt scheinbar all seine Leidenschaft jedoch nicht nur in die Komposition, sondern auch in den Gesang. So singt er kraftvoll und laut in „Curtains“ und leise und zart in „Schoolyard“. Höhen und Tiefen? Kein Problem für den Schweden. Neben der Hymne „Curtains“, die teils an die kanadischen Vetter von Arcade Fire erinnert, stecken in dem Longplayer noch weitere Gänsehautmomente. In den Songs „Replace“, „Closer Away“ und „Alexia“ nimmt das Album immer wieder Fahrt auf, der Rhythmus wird von treibenden Synthesizern und lauten Gitarren vorangetrieben, lässt kaum eine Atempause. Doch Vita Bergen wären wohl nicht Vita Bergen, wenn sie uns nicht auch Zeit zum Durchatmen lassen würden. „Bookstore“ drückt uns in den Sessel und lässt uns begleitet von Streichern an unserem Tee nippen.

Vita Bergen haben mit Disconnection ein kleines Meisterwerk geschaffen, das all unseren Stimmungslagen ein warmes Zuhause bietet.

Anspieltipps – Curtains Alexia

Disconnection

BY

Vita Bergen

Release

04.03.2016

Label

Glitterhouse Records

Peter Zeipert

Mein Highlight des letzten Halbjahres

Andy Stott – Too Many Voices

Die Stimme des Menschen ist sein zweites Gesicht, wird gern geunkt. Im Kontext eines Zuviel beschwört sie allerdings schnell pathologische Konnotationen; und gerade in Zeiten, in denen besorgtbürgerliche Innenleben tragischerweise gern der Neigung erliegen, sich nach außen zu kehren, löst die Kombination too many und voices instinktiv einen dezenten Hauch des Grauens aus. Andy Stotts fünfte LP allerdings verweigert sich störrisch des suggestiven Potentials ihres Titels und präsentiert sich weder indisponiert noch grauenerregend.

Tatsächlich herrscht sogar so viel Klarheit wie wohl nie zuvor in Stotts Schaffen. Der Zugewinn an Anschlussfähigkeit speist sich jedoch nicht aus der einnehmenden Kraft erzählerischer Kohärenz eines konzeptuellen Werkcharakters. Im Gegenteil: Anstelle persönlichen Befindens stehen auch auf Too Many Voices wieder experimentelle Hingabe ans Material sowie Equipmentbasiertheit und damit einhergehend das Prinzip Zufall im kreativen Zentrum. Doch Stott verwaltet jenes Prinzip in neuen Proportionen, stellt seine Ambitionen in puncto Zwischenraum- und Leerstellenforschung, die Passed Me By/We Stay Together und das Jahrzehntwerk Luxury Problems noch elementar prägten, immer weiter zurück, um eine Art verzärteltes Update seiner Durchbruchsformel zu präsentieren.                            

Too Many Voices mäandert also weiterhin durch pechschwarzen House unter dem Gefrierpunkt und stellt intrikates Rauschen aus, knüpft aber Stotts Idee von Pop, die wie ein behutsamer Lichtstrahl schon die Vorgänger phasenweise weichzeichnete, schlüssig weiter und gewährt ihr zunehmend Raum. Das melancholische “Butterflies” z.b. hüllt sich mittels sanft schwebenden Gesangs und leiernder Synthischwaden in Samt, das schwer hitverdächtige “New Romatic” wird von einem düster wabernden Bass durchpulst und borgt sich bei Kollege Dreampop kurz eine Gesangsmelodie. Doch wenngleich Andy Stott ein wenig am Spektrum-Regler dreht und seine abgründigen Soundlandschaften mit Wohlklang anfüttert, behalten die Verführungsoffensiven auf Too Many Voices stets das nötige Maß an Brüchigkeit bei, um sich jeder Form von Seichtheit zu entziehen.

Anspieltipps – Butterflies & Forgotten

Stephan Thiel

Mein Highlight des letzten Halbjahres

Death Grips – Bottomless Pit

Ein halbes Jahr ist wieder ins Land gegangen. Jedoch ist nur ein Album übrig geblieben, das mich immer noch beschäftigt und bei jedem weiteren Hördurchgang etwas Neues zu bieten hat. Das experimentelle  Multi-Genre Trio Death Grips hat mit seiner neusten LP Bottomless Pit ein wirklich endloses Loch geschaffen, in das man sich fallen lassen will – jedoch nicht ohne die passende Ausrüstung. Es ist ein Album, das seinem Hörer viel Geduld und Energie abverlangt, da es durch seine Komplexität und den rauen Ton sehr schwer zugänglich ist. Die nächste Hürde sind die wütenden, chaotischen, dunklen und vor allem kryptischen Texte von MC Ride, der Stimme der Death Grips. Doch das ist auch der Reiz des Albums. Es hat genügend Vielschichtigkeit und lyrischen Freiraum, um sich langfristig damit beschäftigen zu können – um zu rätseln. Das ist wahrscheinlich auch einer der Gründe für die fanatische Fan Base, die die Death Grips haben. Generell ist sich das Trio seiner selbst, seiner Wirkung und seiner Fans sehr bewusst , da sie in ihren Texten immer wieder auf diese Verhältnisse eingehen und sie kommentieren. Thematisch widmen sich die  Death Grips auf dem neuen Album einer breiten Anzahl an Themen. Sie reflektieren über ihre Karriere, mentale  Probleme, das Internet und die Gesellschaft. Doch beginnt Bottomless Pit mit einem Warnschuss. Nach der Hook “Giving Bad People Good Ideas“ – vom gleichnamigen ersten Track – und inmitten des darauf folgenden lauten Gitarrenschrammelns und dem Schlagzeug, das mit jedem Gitarrenschlag mitgeht, schreit MC Ride:

Those who can’t adjust
Ten fold dismantled pus
Operandi minus modus

Death Grips – Giving Bad People Good Ideas

Kurz gesagt : Wenn ihr euch nicht an unsere Musik anpassen könnt, zerlegen wir euch. Wir machen weiter wie bisher und halten uns an keine Regeln und Normen. Doch wenn man sich erst einmal auf die Death Grips einlassen kann, ziehen sie einen in ihr nicht endendes Loch und lassen nicht mehr los.

P.S.: Um das Album für alle „Kenner“ kurz einzuordnen. Es geht einen ähnlichen Weg wie  The Money Store. Es ist allgemein etwas zugänglicher und  hat mehr Wurzeln im Hip-Hop als beispielsweise The Powers That B.

Anspieltipps – Eh & Bottomless Pit

Bottomless Pit

BY

Death Grips

Release

06.05.2016

Label

Third Worlds

Theresa Peters

Mein Highlight des letzten Halbjahres

James Blake – The Colour in Anything

Es ist eine stürmische, verregnete Nacht Anfang Mai, als James Blake alle überrascht und sein lang ersehntes Album endlich allen offenbart. The Colour in Anything ist da und selten haben Artwork und Albumtitel zusammen so viel Sinn ergeben. Ersteres stammt von  seinem Namensvetter Quentin Blake und nimmt sowohl farblich als auch gestalterisch das Thema des Albums auf. Selbst im tiefen Grau der Depression oder nach einer gescheiterten Liebe noch immer die Farbe in allem erkennen – darum geht es. Zwischenmenschliche Kommunikation steht hier für Blake im Mittelpunkt, beispielsweise wenn er im gleichnamigen Titelsong beschreibt, dass er einen depressiven Freund durch seine Worte nicht mehr erreichen konnte. Dass auch die Liebe eines der tragenden Motive darstellt, lässt sich erahnen wenn man in der Baumkrone, welche das Albumcover ziert, einen nackten weiblichen Körper erkennt. Interpretationsspielraum ist hier auf jeden Fall gegeben und macht spätestens beim mehrmaligen Hören immer mehr Sinn. Blake selbst beschreibt die Weiterentwicklung in seinem, nun mehr dritten Studioalbum darin, dass sein Songwriting stärker geworden sei – und tatsächlich, man bekommt hier wirklich das Gefühl, dass Blake endlich auch mal den Lyrics den Vortritt gewährt, umarmt von diesem eindringlichen und emotional aufwühlenden Blake-Sound. Man ist fast schon dankbar, dass das geplante Feature mit Kayne West nicht zu Stande gekommen ist. Den kleinen Ausflug zu Beyoncés Visualalbum verzeihen wir ihm gerne. Doch ganz ohne R&B Einflüsse kommt auch The Colour in Anything nicht aus, Genregröße Frank Ocean gilt ebenfalls als großer Einfluss der Platte. Stattdessen hat sich der Londoner Justin Vernon alias Bon Iver zur Seite geholt und rausgekommen ist dabei „I Need A Forest Fire“ und die Zusammenarbeit auf einem weiteren Song. Der Meister des elektronischen Emotionalismus und eine der Ikonen der modernen Folkmusik arbeiten zusammen, es stellt sich einzig die Frage: Was soll nun noch kommen? Aber erstmal geben wir uns den 17 Songs in 76 Minuten hin – viel mehr als nur „Noise Above Our Heads“.

Anspieltipps – Love Me In Whatever Way & Timeless

The Colour in Anything

BY

James Blake

Release

06.05.2016

Label

Polydor Ltd.

Yannic Köhler

Mein Highlight des letzten Halbjahres

Messer – Kachelbad EP

Seit ihrer Gründung 2010 hat die münsteraner Band Messer es sich zur Aufgabe gemacht, die ausgetretenen Pfade der deutschsprachigen Popmusik zu erneuern oder sie zumindest ein wenig breiter zu machen. Neben zwei Post-Punk Ausnahme-Alben, vertonten sie unter anderem Romy Schneiders Tagebücher, produzierten eine Theaterperformance über den Jazztrompeter Boris Vian und lebten ihre Kreativität auch in anderen Gefilden der Kunst aus.

Ihre, mit dem relativ trivialen Namen Kachelbad betitelte EP, reiht sich nun konsequent in den kreativen Entwicklungsprozess der Band ein. Die sechs Titel starke Scheibe (drei Songs und drei Remixe), dient außerdem als erster Vorgeschmack auf das im August erscheinende dritte Album der Band.

Schon das erste Stück der EP macht klar, dass Messer Songs nicht nach Schema produzieren und sich nicht scheuen neue Wege einzuschlagen. Sänger Hendrik Otembra knarzt seine lyrisch, kryptischen Texte über eine nicht weniger kryptisch und experimentell anmutende, dröhnende Soundkulisse.

Die beiden folgenden Songs durchbrechen das Klangewaber und treiben den Sound wieder in eine ganz andere Richtung. Hier mögen auch der Umzug zu einem anderen Label und ein Wechsel in der Bandbesetzung für frischen, kreativen Wind gesorgt haben. Es geht weitaus weniger dissonant und schleppend zu, wie man es von Messer hätte erwarten können. Die Songs sind dichter und eingängiger. Orgelgetragene Klangteppiche und vielseitige Perkussion-Einsätze statt monotonen, knochigen Bassläufen, aber alles in gewohnt düsterer Messer-Atmosphäre. Mit „der Mann der zweimal lebte“, liefern Messer außerdem das wohl erste und ehrlichste Liebeslied der Bandgeschichte.

Die drei sich anschließenden Remixe dehnen die EP zeitlich noch etwas aus, wirken mit ihren elektronische Beats allerdings ein wenig deplatziert und stören die Atmosphäre der Scheibe eher, als ihr zugute zu kommen.

Trotzdem: Mit Kachelbad beweisen Messer erneut, dass sie eine der interessantesten deutschsprachigen Rockbands der Gegenwart sind. Die Band bleibt ihren Wurzeln treu, ohne sich selbst zu wiederholen und schraubt die Erwartungen für ihr nächstes Album in schwindelerregende Höhen.

Anspieltipps – Kachelbad & Der Mann, der zweimal lebte

Kachelbad EP

BY

Messer

Release

24.06.2016

Label

Trocadero