Wer hinter Wayne Graham und dem Album Mexico das Debütalbum eines hierzulande unbekannten Solokünstlers vermutet, der irrt – zumindest bezüglich Solo und Debüt. Mexico ist bereits das vierte Album der Brüder Hayden und Kenny Miles, den Köpfen der Band Wayne Graham, deren Name sich aus denen ihrer Großväter zusammensetzt. Mexico ist allerdings die erste Platte des Duos aus Kentucky, die nicht nur in den Staaten, sondern auch in Europa erscheint. Zumindest „hierzulande unbekannt“ stimmt also. Mexico ist jedoch der allerbeste Beweis dafür, dass sich das schnellstmöglich ändern sollte.

Die Platte drängt sich zu keinem Zeitpunkt dem Hörer auf, drängelt sich nicht in den Vordergrund und sitzt weitestgehend im großväterlichen Schaukelstuhl zurückgelehnt auf der Veranda. Wie sollte also ein auf den ersten Blick so ruhiges, unscheinbares Folk-Album so hartnäckig hängenbleiben, dass es zu unserem Album des Monats wird? Dafür gibt es drei Gründe:

Der erste ist ebenso naheliegend wie überzeugend – die Musik. Wayne Graham halten ihren Zuhörern die Besonderheiten und die Klasse ihres Albums nicht direkt vors Gesicht bzw. die Ohren. Stattdessen bleibt die Entscheidung beim Hörer Mexico entweder als entspannte Hintergrundmusik, was hier keineswegs als negative Beschreibung der Musik verstanden werden soll, laufen zu lassen oder selbst auf Entdeckungstour zu gehen. Beides funktioniert mit der Platte sehr gut, besonders letzteres sei aber ausdrücklich empfohlen! Zwischen dem Fundament aus störrischem Folk mit deutlichem Country-Einschlag verstecken Wayne Graham auf Mexico so viele feine Details, die mal mehr mal weniger offensichtlich, auch nach dem x-ten Hören der Scheibe für neue Überraschungen sorgen.

Das Schlagzeugspiel von Hayden Miles bildet dafür die Grundlage. Es variiert in jedem Lied der Platte, bleibt dabei immer interessant und spannend. Dazu erklingen alle Elemente auf Mexico an der richtigen Stelle: Wunderbar folkige Gitarren-Arpeggien, die in den meisten Songs auftauchen, ein  Klavier zur richtigen Zeit wie im Opener „Borrowed Bed“, die Slideguitar im Titeltrack „Mexico“, Orgelsounds, Mundharmonika oder Klocken wie in „Wooden Frames“. Einer herrlich mürrischen, verzerrten Gitarre gelingt es Titel wie „Wooden Frames“, „Broken China“ oder auch „There’s A Star“ ein wenig nach vorne zu treiben. In letzterem setzt sie zu einem knarzigem, sperrigem Break an, nur um dann genauso schnell wieder zu verschwinden, wie sie gekommen war. So verhält es sich mit der gesamten Instrumentierung Mexicos, die noch viel mehr Details bereit hält als hier genannt. Schlagzeug und Gitarre führen durch die Songs, dazu ertönen die erwähnten Feinheiten immer zur richtigen Zeit, sodass die Platte nie überladen klingt, sondern den Hörer stets neue Entdeckungen machen lässt. Abgerundet wird das Ganze durch die ruhige, etwas raue Stimme von Kenny Miles.

Diese führt direkt zur zweiten Besonderheit von Mexico. Thematisch umkreist es den tragischen Tod des besten Freundes der Band im Oktober des letzten Jahres. Dabei singt Miles ganz gelassen Zeilen, die durch ihre stoische Ruhe zwar Gefahr laufen mit der Musik zu verschmelzen, um nicht weiter aufzufallen, bei genauerem Hören aber ihre ganze Klasse entfalten. So beschreibt Kenny Miles im Schlusstrack „Fellow Man“ eine der letzten gemeinsamen Nächte mit ihrem Freund, in der sie auf der Straße vor ihrer Veranda einen Wolf erblickten. Bereits mit der ersten Zeile gelingt es Miles diese Begegnung, das gemeinsame Gespräch und die ganze Situation um den Tod des Freundes zu beschreiben.

Like the wolf outside we are led by desires, we are ruled by the time we have lost.

Wayne Graham, „Fellow Man“

Zeilen wie diese zusammen mit einer zurückgelehnten, unaufdringlichen Instrumentierung machen Mexico so besonders. Wo andere die Wut und Trauer über den Verlust eines geliebten Menschen nur so rausschreien würden, um diesen zu verarbeiten, bleiben Wayne Graham beeindruckend unaufgeregt und lassen die gemeinsamen Erlebnisse und Gedanken an ihren Freund auf dem Album in Ruhe vorbeiziehen.

It was in your bloodstream on the day you died, till they replaced it with formaldehyde.

Wayne Graham, „Mexico“

Das Duo Wayne Graham stammt aus Whitesburg, Kentucky. Bei genauem Hinschauen ist dies die dritte Begründung, warum das Album so beeindruckend ist. Whitesburg liegt in einer Region, die wissenschaftlich bewiesen, die Region mit der niedrigsten Lebensqualität der USA darstellt – republikanisch geprägt, mit dem geringsten Pro-Kopf-Einkommen und der niedrigsten Lebenserwartung. Anlass genug nach so einem Schicksalsschlag auch noch lauthals über die miesen Zustände der Heimatregion zu schimpfen, sie zu verteufeln und mithilfe der Musik den Ausbruch zu wagen- könnte man denken. Wayne Graham lehnen sich lieber auf der Veranda im Schaukelstuhl zurück, proben nicht den Aufstand in der Provinz und verarbeiten in aller Ruhe und mit störrischer Gelassenheit die Geschehnisse um ihren Freund.

Mexico, die erste Platte, die Wayne Graham in Europa veröffentlichen, erschien am 07.10 über die Dresdner Labels K&F-Records und Hometown Caravan. Wer vom Album genauso begeistert ist wie wir, der hat am 27.10. die Gelegenheit die Brüder Hayden und Kenny Miles im Blue Note live zu erleben. Wayne Graham haben sich mit Mexico ihren Platz auf dem Radar hiesiger Folk- und Countryfans, Freunden des Singer-Songwriter-Genres und so ziemlich allen Liebhabern gut gemachter, intelligenter Musik mehr als verdient.