Der Morgen danach war für viele ein böses Erwachen. Die Briten haben sich aus der EU verabschiedet und ein schlecht frisierter Demagogen-Trampel hat das mächtigste Amt der Welt inne. Dabei hatten es viele Wahlforschungsinstitute anders auf dem Zettel. Die letzten Umfragen sagten zum Großteil alle etwas anderes voraus und im Falle der Präsidentschaftswahl gingen viele Wahlforscher auch von einer 70-prozentigen Siegchance für Hillary Clinton aus. Vor den Wahlurnen entschieden sich dann doch viele US-Bürger für einen anderen Kandidaten, als von den Demoskopen erwartet. Woran liegt das? Können wir Wahlen schlechter prognostizieren als vor 20 Jahren? Und wenn ja, warum? Diese Fragen stellten wir Professor Lutz Hagen, er ist geschäftsführender Direktor des Instituts für Kommunikationswissenschaft (IfK) und führte bereits mehrere Umfragen und Wahlstudien durch. Er meint, bei den Meinungsumfragen zur amerikanischen Wahl wurden einige Fehler gemacht.

In diesem Fall müssen wir davon ausgehen, dass es systematische Fehler gegeben hat.

Prof. Dr. Lutz M. Hagen, geschäftsführender Direktor des Instituts für Kommunikationswissenschaften  
Besonders die Faktoren „soziale Erwünschtheit“ und „Misstrauen“ machen den Demoskopen das Leben schwer. Für Trump, die AfD oder den Brexit zu sein, ist eine unpopuläre Meinung. Während einer Umfrage scheuen sich also viele ihre wirklichen Gedanken preiszugeben und behelfen sich mit einer Notlüge. Des Weiteren sinken seit Jahren die Ausschöpfungsquoten, d.h. viel weniger Menschen wollen an Umfragen teilnehmen und verweigern eine Antwort. Dadurch ähneln sich Personen, die dann schließlich an einer Umfrage teilnehmen stark und die Umfrage-Skeptiker mit andere Meinung fehlen in der Stichprobe. Durch verschiedene Modelle und Gewichtungen können Wahlforscher diese Aspekte allerdings etwas mindern.

Das wird alles durch Modelle korrigiert, dabei berücksichtigt man z.B. Fragen nach dem bisherigen Wahlverhalten oder anderen Indikatoren. Und insofern kann das auch mal schiefgehen und es geht vor allen Dingen dann eher schief, wenn wir solche neuen politischen Kräfte haben, die gesellschaftlich keine große Akzeptanz erfahren.

Prof. Dr. Lutz M. Hagen, geschäftsführender Direktor des Instituts für Kommunikationswissenschaften  
Eine normale Wahlumfrage ist also wesentlich komplexer, als es zunächst den Anschein hat. Gerade neue politische Bewegungen erschweren die Arbeit von Umfrageinstituten und schaffen einen ungewissen Wahlausgang. Wir sollten also Umfrageergebnisse immer im Kontext betrachten und eine 70-prozentige Siegchance nicht als 100-prozentige umdeuten. Politische Meinungen können ein fragiles Konstrukt sein, die schwierig zu messen sind.