Run the Jewels 3

BY

Run the Jewels

Release

20.01.2017

Label

Run the Jewels, Inc.

Es war der 25. Dezember 2016. Leicht müde vom zuvorigen Weihnachtstag und dem anschließenden, leicht deprimierenden Kneipenabend mit den mehr oder weniger geliebten alten Schulkameraden machte ich mir Frühstück. Dabei dachte ich an Socken, so hatte ich doch zwei Paar zu Weihnachten bekommen und konnte kaum abwarten, diese endlich anzuprobieren. Gleichzeitig merkte ich, dass dies doch ein wenig traurig sei. Socken! Das belangloseste Kleidungsstück überhaupt! Niedergeschlagen schaute ich auf mein Smartphone, wie man das als 19-Jähriger nun mal macht. „Eine neue Mail von Mike & El-P“ stand da. „Mike und El-P?“ dachte ich. Wer waren diese Menschen? Was wollten sie? Ich nahm einen weiteren Bissen meines Brötchens zu mir, als mich der Schlag traf. Mike und El-P! Natürlich! Run the Jewels! Panisch drückte ich mit leicht angefetteten Wurstfingern auf meinem Telefon herum. „RTJ3 IS HERE!“ stand da – und auf einmal war ich glücklich.

Das Album, auf das ich so lange gewartet hatte, Run The Jewels 3. „Komisch“, dachte ich, denn eigentlich sollte das Album erst am 20. Januar erscheinen.

Naja, wie auch immer. „Free“ hatte ich da auch noch gelesen und einem geschenkten Gaul schaut man ja bekanntlich.. ihr wisst schon! Run The Jewels 3 war draußen und mein Tag gerettet.

Sehr viel Zeit hatte ich zuvor mit dem 2014 erschienenen Vorgänger mit dem überraschenden Namen Run The Jewels 2 verbracht, welches ich durch den Youtube-Kritiker Anthony Fantano aka The Needle Drop entdeckt und lieben gelernt hatte. Energisch hatte das Album geklungen: knallende Beats von El-P, darüber der Sprechgesang von dem eben genannten und Killer Mike – elf Kracher aneinandergereiht. Doch seitdem war viel Zeit vergangen.

Killer Mike, Afro-Amerikaner aus Atlanta, war zuletzt nicht durch Musik aufgefallen, sondern mehr durch politisches Engagement an der Seite seines neuen Busenfreundes Bernie Sanders sowie in diversen Talkshows, in denen er wortgewandt (ganz anders als die „normalen Rapper“ – alle asozial!) die Missverhältnisse der amerikanischen Gesellschaft anprangerte und die sogenannten echten Experten oft alt aussehen ließ. Von El-P hatte ich bis auf ein kleines RTJ3-Snippet gar nichts mehr gehört. Umso gespannter war ich nun also, was die beiden nun auf die Beine stellen würden und wie sich Killer Mikes politische Arbeit auf dem Tonträger wiederfinden würde.


Nun haben wir den vierten Januar, die Socken passen und das Album ist mir schon länger nicht mehr neu. Gleich mal vorweg: Mir gefällt es sehr gut (was wohl kaum eine Überraschung ist beim Album des Monats). Es ist erwachsener, etwas ruhiger und politischer als sein Vorgänger, nicht mehr eine Aneinanderreihung von aggressiven In-die-Fresse-Songs, sondern eine Mischung aus eben diesen und etwas nachdenklicheren, ernsten Tönen.

„How long before the hate that we hold / Lead us to another Holocaust?“

aus 2100

El-P und Killer Mike sind nicht zufrieden mit den heutigen USA, die zuletzt eigentlich nur durch Negativschlagzeilen auffielen. Polizeigewalt, Rassismuskonflikte, Donald Trump – all dies wird auf dem Album verarbeitet. Dies geschieht glücklicherweise jedoch nicht mit erhobenem Schullehrer-Zeigefinger, sondern subtil aber direkt in humorvolle, kreative Zeilen verpackt.

„Went to war with the devil and shaytan / He wore a bad toupee and a spray tan“

aus Talk To Me

Run The Jewels haben bei all der Ernsthaftigkeit nicht den Spaß verloren, die Beats sind weiterhin bunt, abwechslungsreich und noch synthetischer als zuvor, El-P und Mike flowen sehr routiniert und unterhaltend und wer sich in die Texte hineinliest, wird nicht nur mit deprimierenden USA-Problemen, sondern auch mit Lachern (naja, zumindest Schmunzlern) belohnt.

Man könnte sagen, dass El-P und Killer Mike sich inzwischen final gefunden haben. Das 2013 erschienene Run The Jewels 1 war noch eher ein Album, das als Interpreten El-P und Killer Mike auf der Scheibe stehen haben konnte, Run The Jewels 2 dann ein wirkliches Team-Projekt und das neue Album legt in Sachen Harmonie noch einen drauf – die beiden spielen sich gekonnt den Ball zu, auch die Featuregäste werden in den Spielkreis aufgenommen und erweitern diesen noch.

Danny Brown wäre da auf dem Song „Hey Kids (Bumaye)“ hervorzuheben, der gen Ende des Liedes noch einmal für einen Aha-Moment sorgt und im Zuhörer den Wunsch der Erweiterung von Run The Jewels in El-P, Mike und Danny Brown wachsen lässt. Ebenso bemerkenswert ist es jedoch, dass ein Gast wie Kamasi Washington, seinerseits Jazz-Saxophonist, auf dem Album Platz findet. RTJ3 ist zwar ein echtes Hip-Hop Album, an Einflüssen anderer Musikrichtungen mangelt es jedoch nicht.

Insgesamt ensteht somit ein Projekt, welches einen eigenen Sound hat, sowohl Spaß macht als auch zum Nachdenken anregt, wahnsinnig gut produziert ist und seinen Vorgängern in nichts nachsteht. Man könnte schon fast ein wenig traurig werden, dass das Album so spät im Jahr erschienen ist und somit keinen Platz mehr in unseren Jahrescharts ergattern konnte.

Übrigens: Run The Jewels 3 ist als kostenloser Download (ja, legal!) verfügbar. Es gibt also keine Ausreden, dem Album nicht zumindest eine Chance zu geben.