Everything Is Forgotten

BY

Methyl Ethel

Release

03.03.2017

Label

4AD

Gerade wenn man denkt, dass es mal wieder schön wäre, etwas spannendes, aber eher poppiges zu hören, ein wenig leichte Musik, vielleicht mit einer Prise Art Rock, gerade dann kommt ein Album aus Australien angeflogen. Wie passend! Es muss auf seiner langen Reise viele Eindrücke gesammelt haben und zwischendurch wohl auch immer mal eingeschlafen sein. Aber pünktlich war es da.
Am 3. März ist Everything Is Forgotten von Methyl Ethel veröffentlicht worden. Hinter dem eigenartigen Bandnamen verbergen sich drei Künstler aus Perth. Ja, richtig, Perth – der Stadt, die es trotz ihrer Isoliertheit im Westen Australiens immer wieder schafft, ziemlich gute Bands hervorzubringen. So kommen von dort zum Beispiel Empire of the Sun oder Tame Impala. Wenn einer weiß, wie man guten Art Rock macht, dann sind es diese Leute. Auch Methyl Ethel schließt sich dieser bunten, exzentrischen, etwas delirierten Art Musik zu machen an. Dennoch gehen sie ihren eigenen Weg, erfinden eigene Welten, in die uns ihr zweites Album entführen möchte.

Jake Webb heißt das Mastermind und der Sänger des Projekts. Der Bandname ist von einem Keton (Methyl- Ethyl- Keton- Peroxid) abgeleitet, welches für die Herstellung von Fiebergals benötigt wird, da sein Vater in der Fiebergalsindustrie arbeitet. Damals, Anfang der 10er fing alles an mit Webbs Aufnahmen im Schlafzimmer. Die Klänge, die er dort kreierte, wollte er ans Ohr der Öffentlichkeit bringen. Seine ersten EPs nannten sich Guts und Teeth.
Das Debütalbum Oh Inhuman Spectacle nahm er auch komplett alleine auf. Zusammen mit Chris Wright, einem Tontechniker, mixte er es dann.
Im Sommer 2014/15 (ja, wir sind in Australien), kam „Rogues“, die erste Single aus dem Album, so richtig in Fahrt. Sie wurde von der westaustralischen Musikindustrie zum Popsong des Jahres 2014 gekürt und gelangte in ganz Australien ans Bewusstsein der Öffentlichkeit.
Durch die steigende Bekanntheit des Projekts wurde es nun auch notwendig, eine Band für Liveauftritte zu haben. Thom Stewart, ein Freund von Jake Webb, übernahm den Bass und Chris Wright setzte sich hinters Schlagzeug. Zur Zeit touren sie durch Europa, Amerika und Australien.

Die Songs wirken schattenhaft, mitreißend und unter der scheinbar ruhigen Oberfläche sehr aufgewühlt. Doch jeder einzelne Track entfaltet einen ganz eigenen Sog.
„Dream Pop“: Vieles an dem Album legt nahe, dass diese Bezeichnung sehr treffend ist. Die meisten Songs enden abrupt, so als würde man plötzlich aus einem Traum aufwachen. Gitarre und Keys sind, nach guter „alter“ Art Rock- Manie, sehr flächig und Effekte werden nicht sparsam eingesetzt. Der Beat hingegen ist in den poppigeren Songs sehr tragend. Das Konzept insgesamt wirkt durch den Rhythmus mitreißend, beinahe hypnotisierend. Besonders aber der Gesang trägt zu dem traumartigen Ambiente bei. Er wirkt etwas surreal und kreisend, auch hier werden gern mal Effekte eingesetzt. Sehr spannend an Methyl Ethel ist auch, dass Jake Webb eine besonders androgyne Stimme besitzt. Ein Ziel das Sängers war es auch, geschlechtslose Musik zu machen. Ist es Intention der Band, das gesellschaftliche Bild von Geschlecht in Frage zu stellen, indem es komplett umgeworfen wird? Man kann vermuten, dass das Albumcover aus diesem Grund gewählt wurde.
Das gesamte Konzept des Projekts hat etwas von Innen heraus zerstörerisches, auch sichtbar am unnatürlichen Musikvideo. Dabei ist die Musik aber nicht zu fordernd und erlaubt es dem Hörer, sich ihr hinzugeben.
Zu den Texten kann man eigentlich nur sagen: Sie sind bewusst sehr vage gehalten und lassen viel Interpretationsspielraum übrig. Das hört man vor allem auch bei „Ubu“, der ersten Single des Albums. „Why´d you have to go and cut your hair“ ist eine eher banale Aussage und doch wird sie durch die Musik zu etwas vollkommen Neuem.

Ich habe dieses kleine Album als Album das Monats gewählt, da es, finde ich, einen überraschenden Blickwinkel auf Klänge und Kunst präsentiert. Es ist kein Wunderwerk, aber durch seine Unergründlichkeit und diese ganz eigene Energie hat es für mich eine besondere Bedeutung.