Forget

BY

Xiu Xiu

Release

24.02.2017

Label

Altin Village & Mine

Wäre die Musik von Xiu Xiu ein Tier, dann vermutlich ein Schwan: Wenngleich sich Anmut und Grazie immer wieder in den Vordergrund spielen und in diesen Momenten alles in Schönheit strahlt, sollte man sie nicht zu nah an sich heranlassen, denn im Kern sind es Aggression und Bissigkeit, die sie antreiben; und selbst wenn sich die im Rahmen der herzallerliebsten Neuvertonung des Twin-Peaks-Soundtracks wiederbeatmete Zugänglichkeit Xiu Xius auch in Forget hineinschummelt, bleibt Hauptarchitekt Jamie Stewart ein Meister der koketten Inszenierung menschlicher Abgründe, der es wie kaum ein anderer in der zeitgenössischen Popwelt versteht, nervenzerrende Bilder heraufzubeschwören. Hört man sich in ein Xiu-Xiu-Album ein, muss man damit rechnen, dass sich Beklemmung platzhirschigst niederlässt und Hut + Wanderstock auch nicht gleich wieder zu nehmen gedenkt, selbst wenn man ganz ganz lieb darum bittet.

Forget rankt sich nun um das Thema des Vergessens und schlägt damit einen der düstersten Töne auf der Klaviatur gesellschaftlicher Ängste an, denn er führt unmittelbar zu zwei der existenziellsten Formen anthropologischer Furcht: Einsamkeit und Isolation. Ein lyrischer Konfrontationskurs, fiese Nierentreffer und im freien Fall befindliche Protagonisten bleiben also auch weiterhin Konstanten im Xiu-Xiu-Kosmos; und dennoch bündelt das Album ein Maß an Bekömmlichkeit und Popappeal wie seit dem inzwischen 10 Jahre alten The Air Force nicht mehr: „Wondering“ ist wechselkursbereinigt fast schon Arenarock mit leichtem Schielauge in Richtung Dancefloor, fiept und knarzt dabei aber natürlich trotzdem aus allen Poren. Auch „Queen of the Losers“ wirft sich elegant in Pose und schwingt sich großgestisch durch seinen Chorus, wird aber von einem kreischenden Synthie eingeleitet und läuft über ein verzerrtes Hintergrundprogramm, das dringend mal jemand durch den Virenscanner jagen müsste.

Fragiler Schönklang und Verstörung tarieren sich auf Forget also wieder in einem Verhältnis aus, das man vor allem von Fabulous Muscles und besagtem The Air Force kennt. Nachdem in den letzten zehn Jahrem die Dringlichkeit auf Albumlänge verloren ging und das Faible für das Abseitige allzu oft zu Struktur- und Fokuslosigkeit führte, kanalisieren Xiu Xiu ihren Sound wieder und lassen ihm die nötige Erdung angedeihen. Dadurch springt der pointierteste Entwurf seit der Frühphase der Band heraus. Denn auch wenn das permanente Schwelen von Kollaps und Zusammenbruch sowie die schiere Intensität jener ersten vier Meisterwerke schwer imitierbar sind und Forget ein wenig abgehen, liefern Xiu Xiu hier ein Album ab, das hervorragend als Einstieg in das Schaffen der Band taugt und stachelige Hits in Fließbandproduktion auswirft.