Arca

BY

Arca

Release

07.04.2017

Label

XL Recordings

Es ist ja klar: wer meint, Pop sei auserzählt und war schon überall und irgendwie klänge heute ja auch alles gleich, schaut und hört einfach nicht genau genug hin.  Man nehme das Beispiel Arca: das gemachte Nest wird überflogen, der gemeine Wohlfühlstandard ist blickexterne Größe und ferner Singsang. Schon sein 2015er Album Mutant war ungemütlich an den Klippenrand gebaut, hat die Möglichkeit des Aufpralls in jedem Ton mitgedacht – kreatürlich wie sein Cover, sprengkräftig und intuitiv, Musik gewordene Überwältigungsstrategie. Auch der selbstbetitelte Nachfolger trägt seine Entfremdung schon auf dem Cover zur Schau, das so zum repräsentativen Epitom einer übergeordneten Gesamtästhetik wird. Denn die diffuse Mischung aus Konfrontationslust und tiefer Angreifbarkeit, die einem aus Arcas Antlitz entgegenschlägt, zieht sich motivisch auch durch das albumanhängige und gendertranszendierende Foto- und Video-Artwork.

Auf Arca werden also sämtliche Masken schonungslos heruntergerissen. Wo Mutant sich noch auf das Abschreckungspotential seines offensiven Instrumentalsounds verlassen konnte, reduziert sich hier schon die Album-Eröffnung auf ein nacktes, verletzliches Stimmzeremoniell und rückt ungefiltert Seinsfragen ins Scheinwerferlicht. „Piel“ handelt vom Abstreifen der eigenen Haut, symbolisiert Ausgeliefertsein und fasst Identität eher als ephemeres Bild mit sich ständig auflösenden Rändern denn Ewigkeitswert auf. Abhängigkeits- und Sehnsuchtsverhältnisse bestimmen thematisch auch den Großteil des restlichen Albums. Die improvisierten Texte sind durchgehend sexuell aufgeladen und ausnahmslos in der Muttersprache Arcas gehalten, weisen auf die Queerness und biografischen Wurzeln des venezolanischen Wahl-Londoners zurück und verschränken beide Ebenen zeitübergreifend. Auf den Rotstift wird also verzichtet, der freie Wortfluss dringt direkt an den Kern der Emotion. Arcas Zweitling ist eine Salbung, alte Wunden werden gereinigt, neuen Makeln, Verletzungen und Einsichten wird sich gestellt.

Die Singleauskopplung „Anoche“ gibt nicht nur selbst jede Deckung auf, sondern lässt auch dem Hörer keine Chance für Neutralität und Komfortzonenrückzug, zwingt zu einer Haltung. Die opernhafte Stimme verzehrt sich und melancholische Pianotupfer säumen den Klagegesang. Ein Song wie ein offen gelegter Nerv. Und obwohl der Kontext hier natürlich Popmusik ist, wirkt es, als wäre eher eine Kathedrale das natürliche Habitat dieses Stückes und nicht die große Pop-Bühne. Doch wenngleich der Stimmzuwachs das Album zur demonstrativen Antidiskretion gerinnen lässt und der Abschluss mit „Child“ an Elysia Cramptons letztjährige Dämonenaustreibung erinnert, ist Arca zugänglicher geraten als sein Vorgänger. Das liegt vor allem an Songs wie „Fugaces“, das in Melodieführung und Strahlkraft offen Björk referiert, sowie „Desafío“, das trotz fatalistischen Textes ganz bescheiden ein Bad in seiner eigenen Anmut nimmt, dabei fast ein wenig an die letzte Dirty Projectors erinnert und diesen grenzgängerischen Akt als besonderes Schmuckstück veredelt.