Wer Candelillas 2013er Album Heart Mutter nicht kennt, hat sich offiziell in einem mittelschweren Bildungsmangelstruggle verheddert. Denn speziell für eine Band aus hiesigen Gefilden ist der Schmirgelscheiben-Glanz dieser Platte sicher einmalig. Das dürfte vor allem an den abfragesicheren Geschichtskenntnissen der 4 Münchnerinnen liegen: ihr Sound wird liebevoll durch den Dischord-Schredder gejagt, informiert sich also bei Post-Hardcore-Größen wie Fugazi, ist sich aber auch nicht zu fein, die Melodienmühle anzuwerfen, wenn es denn sein muss. „29“ z.B. zeigt sich äußerst gesangszärtelnd und vermochte durch seine Intonation ziemlich sicher das eine oder andere PJ-Harvey-Fanherz in Galopp zu versetzen. Dass diese Referenz auch klangästhetisch nicht allzu fern liegt, lässt sich freilich auf einen recht prominenten Verbindungspunkt zwischen dem ikonisch-noisigen Frühneunziger-Alternative von Rid of Me und dem staubtrockenen Knarzen auf Heart Mutter zurückführen, denn die Hebamme beider Wonneproppen trägt keinen geringeren Namen als Steve Albini.

Natürlich verwandelt aber auch der nicht einfach Wasser in Sternburg, Candelillas Songs lebten und leben zuvorderst von ihren Ideen. Heart Mutter war ein melodiöser Klotz und eine Großtat, aber auch Camping behält sich dessen Grundzüge bei, setzt da mal einen neuen Pinselstrich oder spart dort mal ein Detail aus. Nach wie vor spannen die Songs sich durch ihre Dynamik, entwickeln immer Momentum, gern Gesangsmelodien, die sich verführerisch um schlanke Gitarrenlinien schlingen, deuten aber auch auf Abgründe und kanalisieren offen und schroff ihren Unmut. Die fulminante Sprödigkeit Heart Mutters weicht auf Camping zwar einer Form klanglicher Sattheit, dennoch bleibt wohlfeiler Reduktionismus hier oberstes Gebot. Ein bisschen fühlt man sich an die Entwicklung der Nerven erinnert, der Ausdruck gibt etwas an kratziger Wucht Preis um neuer Eleganz ein wenig mehr Platz einzuräumen.

Wenn es auf Heart Mutter „Wir sind drinnen in den Rissen“ heißt, so gilt das also nach wie vor. Candelilla bleiben im Dazwischen, was sich besonders lyrisch bemerkbar macht. Statt sich an Konkreta zu haften, nisten sich Mira Manns Worte im Ungefähren ein, zelebrieren ihre Nichtvollendung. Isolierte Sprachspiele, deren Bedeutung vielleicht geknüpft werden will, vielleicht auch nicht, die aber ihre eigene Ästhetik entfalten. Das Ganze mündet dann in den Abschlusstrack „Wüste“, der offen wie nie zuvor auf Camping einen thematischen Kern durchschimmern lässt: Leben als Unmöglichkeit finaler Kontrolle, voller toter Enden und Irrungen, Abbrüchen und Neustarts. Eine unendliche Weite voller Austauschbarkeiten und unauflösbarer Widersprüche, durchdrungen von Größen, die den Lauf der Dinge um den eigenen Willen lenken, sie scheinbar ansatzlos passieren lassen wie mithin die Worte auf dieser Platte, das Echo verweigern. Aber eben auch zupass kommen können und Schönheiten offenbaren wie dieses Album und diese Band.

Sollte sich in euch Elan für Live-Klänge von Candelilla regen: Wir schaffen Abhilfe. Sendet uns einfach eine E-Mail mit dem Betreff “Campingspaß” und eurem vollen Namen an gluecksfee@campusradiodresden.de und qualifiziert euch somit für die Chance, 2×1 Freikarte für das Konzert im Ostpol zu gewinnen. Auf dass die Losfee mit euch sei!