Musik und Gefühl bilden eine magische Koalition, Rationalität allein setzt die Hingabe, die das heilige Nerdideologem „Musik ist die schönsten Sache der Welt“ einfordert, nicht frei. Selbst das Spiel aus Nähe und Distanz fügt sich dieser Logik: Noch die frostigste Post-Punk-Nummer zielt immer auch auf die Ebene menschlicher Regungen, verhält sich irgendwie zum Konzept Gefühl. Auch im Techno wird die Grundfunktion des Tanzes und die daran gekoppelte Ambition, möglichst viele Floors mit möglichst vielen bewegungswütigen Ärschen zu bestopfen, mitgedacht; dass es inzwischen ausreichend Abzweigungen gibt, die zerstückelt und verschoben genug sind, um sich diesem Paradigma zu entziehen, ist auch klar. Die wenigsten gehen dabei aber so radikal vor wie Gábor Lázár.

Denn der Modus Operandi auf Crisis of Representation beschränkt sich auf das Schrauben am Ton selbst, ausgetrocknete Patterns werden in 8 Akten durchdekliniert und unter minimalen Tempo- und Frequenzvariationen zusammengepappt – Techno in permanenter Abseitsstellung, der menschenleere Zonen durchruckelt und -zittert und jedem clubtauglichen Impuls entsagt, stattdessen kühler Analytik entsprungen scheint. Liegt die postmoderne Repräsentationskrise also im verfälschten Zeichen, darin, dass sich kein Ausdruck mehr dem Fetisch entziehen kann? Eine Entschlackungskur als Rückzug aus Sphären überfrachteter Bedeutungszuschreibung? Und kann diese Strategie funktionieren, wenn der Fetischcharakter sich nicht nur an die Warenform, also z.B. den Song in seiner Ganzheit, kettet, sondern eigentlich jedes Spurenelement von Popmusik – ein minimaler Hintergrundsound, ein winziges Coverdetail – ikonisierbar ist? Doch selbst wenn das Spektakel sich im einzelnen Ton einnistet und authentische Repräsentation keine Option ist, bleibt die Frage nach Güte davon unberührt. Pop mag entfremdete Zustände spiegeln, die Möglichkeit für Innovation und große musikalische Momente ist ihm trotzdem eingeschrieben.

Lázárs Sounddekonstruktionen rütteln an konventionellen Musikverständnissen und knallen eingefahrenen Hörgewohnheiten den Fehdehandschuh vor den Latz. Im Ansatz erinnert hier vieles an Rashad Beckers ephemere Geistgestalten, nur dass Zersplitterung und Aushöhlung noch einmal weitergetrieben werden: Den Beats wird jede Emotion abgepresst, die Strukturen von jedem Futter befreit bis nur noch Daten übrig bleiben, die nüchtern verschaltet und in Formeln gegossen werden. Spannend!

Crisis Of Representation

BY

Gabor Làzàr

Release

27.01.2017

Label

Shelter Press