Man stelle sich vor, wie Musik wohl klingt, wenn man die ganze Welt bereist und alle schönen und guten Momente, Erfahrungen und Menschen auf dem Weg einsammelt und verinnerlicht. Gemeinsam wandert man dann weiter und musiziert zusammen, sodass alle Lust bekommen sich der Gruppe anzuschließen. Das klingt jetzt ein bisschen sehr nach einer Gruppe Hippies, die nach dem Prinzip Peace & Love nackt im Wald am Lagerfeuer mit ihrer Gitarre sitzen. Aber tatsächlich vermittelt Nick Mulveys zweites Album Wake Up Now eine unglaublich positive, friedliche und hoffnungsvolle Stimmung in Tagen, ohne dabei kitschig, naiv oder verblendet zu wirken. Besonders in unseren heutigen Tagen, die politisch betrachtet eher dunkel zu sein scheinen, macht das sehr viel Spaß. Mulvey versucht auch überhaupt nicht den Hörer in eine nostalgische Traumwelt einzulullen und den Problemen somit zu entfliehen. Im Gegenteil er spricht gesellschaftliche und politisch brisante Themen an und trifft dabei genau den Nerv der Zeit. Der britische Sänger und Songwriter nutzt seine Musik, um an die Menschheit für mehr Humanität und Nächstenliebe zu appellieren. Äußerst subtil und durchdacht geht er textlich und melodisch gesehen an die Sache ran.

Bei dem Lied „Myela“ beschäftigt er sich beispielsweise mit der europäischen Flüchtlingskrise und gibt den geflüchteten Menschen eine Stimme. In den ersten drei Minuten erzählt er in kurzen Versen von ihren Erfahrungen und Ängste, die er in Gesprächen gesammelt hat. Das anfangs sehr zum Nachdenken anregende Lied entwickelt sich dann zu einem sehr beeindruckenden alternierenden Mantra, das einen hoffnungsvoll in die Zukunft blicken lassen möchte. Er verbindet die einzelnen Songs des Albums thematisch sehr geschickt. Im Song „Imogen“, der vor „Myela“ zu hören ist, thematisiert er die umweltschädliche Frackingmethode zur Erdölgewinnung. Darin berichtet er von einer Familie, deren Heimat auf diese Weise zerstört wurde und diese jetzt verlassen muss. Mulvey erzählt nicht nur dramatische, aber schöne Geschichten, sondern legt den Fokus vor allem auf die Verantwortung, die jeder einzelne von uns trägt. Schon der Titel des Albums Wake Up Now macht deutlich, dass wir erkennen sollen, dass die Veränderung in uns selber beginnt und wir bewusster über unsere Handlungen nachdenken sollten.

Nicht nur wörtlich, auch musikalisch gesehen, hat sich der Folksänger seit dem Vorgängeralbum stark entwickelt. Die lange Zeit, die er in Havanna verbracht hat und sein Studium der Ethnomusikwissenschaften machen sich eindeutig bezahlt. Man merkt, dass er ein erfahrener Musiker ist, der mit den verschiedensten Musikeinflüssen und Harmonien der Welt vertraut ist und mit diesen spielerisch experimentiert. Musikalische Motive werden immer wieder eingesetzt, variiert und in einen anderen Kontext gebracht, sodass sich aus thematischer sowie harmonischer Ebene ein roter Faden durch das ganze Album zieht. Zusätzlich betont dies die Probleme, Verantwortung und die daraus resultierende notwendige Verbundenheit und Verbrüderung aller Menschen, die Mulvey zu seinem Programm gemacht hat. Die orientalischen und afrikanischen Melodiefiguren, die ansteckenden Rhythmen sowie die Vermischung von Bläsern, Percussion, Streichern, afrikanischen Chorgesängen und Mulveys Akustikgitarre zeigen, dass sich der Sänger auf der ganzen Welt heimisch zu fühlen scheint. Dieses Gefühl überträgt sich direkt auf den Hörer weiter. An manchen Stellen wirkt das schon sehr spirituell, aber niemals zu übertrieben oder aufgeladen.

Während das erste Studioalbum noch sehr solistisch geprägt war, scheint Nick Mulvey bei seiner zweiten Platte auf die Idee des Kollektivs gesetzt zu haben. Auch neu sind der groovebasierte Sound und ein Hauch von Minimal-Elelectro. Er schafft es eine perfekte Balance zwischen Folk, Jazz, Electro und ethnisch traditionellen Musikeinflüssen zu kreieren.

Auf den Punkt gebracht: Wake Up Now ist ein sehr vielseitiges und packendes Album, das an vielen Stellen die Kraft eines heraufschwörenden Mantras besitzt. Kritikern zufolge tritt Nick Mulvey damit aus einem aktuell nichtssagenden Songwritermeer hervor. Wer in den nächsten kalten und dunklen Monaten bei einem Blick auf die Nachrichten die Hoffnung an die Menschheit verlieren sollte, möge sich bitte seine Musik zu Gemüte führen. Denn nichts wirkt momentan positiver als eine Reise mit dem Sänger um die Welt, bei der man schöne Momente sammelt und mit vielen Menschen zusammen friedlich musiziert.

PS: Mittlerweile ist auch eine Unplugged Version des Albums erschienen - auch sehr schön!

Wake Up Now

BY

Nick Mulvey

Release

08.09.2017

Label