„Around You” lautet das Motto der diesjährigen Ostrale. „Around You“, das bedeutet das, was uns umgibt. In der Ausstellung gibt es künstlerische Arbeiten, so die Selbstbeschreibung, „die ihre Sichtweisen auf die uns umgebende Welt mit ihren Widersprüchen und Gegensätzen, aber auch mit ihrer Vielfalt, Einmaligkeit und ihren Dimensionen vergegenständlichen.“

Allgemeiner könnte das Motto für eine Kunstausstellung kaum sein. Und doch hilft der Zugang, Kunst anders, ja vielleicht tiefer zu verstehen, als man das beim mehr oder weniger regelmäßigen Galeriebesuch so tut. Doch dazu müssen wir zunächst von der Kunst weggehen, in: die Geschichte.

Die Kunst hat ihre Funktion verloren.

Dass Kunst nämlich manchmal recht beliebig erscheint, hat seine Gründe, wenn man sie von ihrer Funktion her betrachtet. Lange Zeit und bis ins Mittelalter diente sie dazu, den Ruhm der Götter und den ihrer ungewählten Vertreter, der Könige und Fürsten immer weiter zu steigern. Man kennt die großen Altäre, die Kathedralen und natürlich den ganzen Prunk der absolutistischen Herrscher.

Doch heute sieht das anders aus. Die Kirche hat ihren zentralen gesellschaftlichen Stellenwert verloren. Und auch richtige Könige, richtige adelige Alleinherrscher gibt es kaum mehr. Immer größere Freiheitsgrade haben sich in den letzten Jahrhunderten so für die Künstler ergeben. Und seit einer ganzen Weile streitet man darüber, wofür die Kunst dann noch da sein könnte. Eine von vielen Antworten darauf findet man bei dem Soziologen Niklas Luhmann. Er hat dazu einen interessanten Vorschlag gemacht, wenn er schreibt:

Das Kunstwerk etabliert […] eine eigene Realität, die sich von der gewohnten Realität unterscheidet. Es konstituiert, bei aller Wahrnehmbarkeit und bei aller damit unleugbaren Eigenrealität, zugleich eine dem Sinne nach imaginäre oder fiktionale Realität. Die Welt wird […] in eine reale und eine imaginäre Realität gespalten.

Niklas Luhmann, Die Kunst der Gesellschaft

Kunst schafft eine imaginäre Realität.

Die Kunst zwingt den Betrachter dazu, diese Spaltung nicht übersehen zu können. Denn ein materielles Kunstwerk ist immer ein Ding, das genau so ist, wie es ist. Die imaginäre Realität, die ein Kunstwerk aufspannt, muss ich als Betrachter also erst einmal so akzeptieren. Was ich damit mache, das aber legt die Kunst nicht fest, so Luhmann:

Gerade dadurch, daß die Kunst ihre Formen in Dingen niederlegt, kann sie darauf verzichten, eine Entscheidung für Konsens bzw. Dissens oder zwischen Affirmation bzw. Kritik der Realitäten zu erzwingen. Sie bedarf keiner vernünftigen Begründung, und sie macht dadurch, daß sie ihre Überzeugungskraft im Bereich des Wahrnehmbaren entfaltet, auch wahrnehmbar, daß sie keiner Begründung bedarf. Das ’Vergnügen’, das nach alter Lehre die Betrachtung eines Kunstwerks bereitet, enthält immer auch ein Moment der Schadenfreue, ja des Spottes über die vergeblichen Bemühungen um einen vernünftigen Zugang zur Welt.

Niklas Luhmann, Die Kunst der Gesellschaft

Kunst verunsichert den rationalen Zugang zur Welt.

Rational, dafür hält man allgemein hin Mathematik und Physik. Das ist nicht falsch: Es sind diese beiden Wissenschaften, die nicht zuletzt auch den Stand der Technik ermöglicht haben, mit dem wir heute leben. Doch Technik ist nicht bloß praktisch. Sie kommuniziert immer auch den Traum des Menschen, sich über seine natürliche Gebundenheit zu erheben. Die wissenschaftliche Vernunft wird in den Dienst gestellt des Traumes gestellt. Der Mensch begibt sich zum „Final Frontier“, über seinen Planeten hinaus, ins Weltall.

Auf der Ostrale ist der Raumfahrt so ein eigener Bereich gewidmet, die „Mission O14“. Gerade die Konfrontation im künstlerischen Zugang zu diesem Thema ist reizend, geradezu befremdlich. Eine malerische Inszenesetzung von Weltraum-Bildern ist dabei nicht das Problem: Erdenaufgang auf dem Mond und der Astronaut im schwarzen Universum sind in der Realität wie im Gemälde Ikonen des technischen Traums. Nein, befremdlich ist die imaginäre Realität der Kunst, die in der „Mission O14“ mit der wissenschaftlich-technischen Realität korrespondiert.

Die "Zeitfahrmaschine" von | Abbildung: Presse

Die „Zeitfahrmaschine“ von Johannes Lenhart | Abbildung: Presse

Seltsam eindrücklich und doch schwer einzuordnen sind etwa die Skulpturen von Bruno Streich, meterlange Nachbildungen von Satelliten und Raketen – aus Holz und Leim. Sie verrücken das Formarsenal der Weltraumtechnik in die Welt der Heimwerkerei. Wirklich komisch hingegen aber ist Johannes Lenharts „Zeitfahrmaschine“ mit dem Untertitel „Fotomechanische Selbstaufklärung“ (siehe Bild). Tatsächlich könnte die große Skulptur aus einer Fabrik des 19. Jahrhundert stammen. Zwei an dicken Metallstreben befestigte Fabriklampen beleuchten ein technische Anleitung. Auf den Abbildungen sind technische Bauteile nummeriert, darunter der anleitende Text. Ein anleitender Text aus einer imaginären Realität:

Erfahrung. Es befindet sich in einem Ladenlokal. Neben der Tür steht der Verräter (28), ein automatischer Verkehrswarnposten, Typ „Winkemann“.
Das Türschild (18) außen trägt die Inschrift „Bitte leise“. Öffne die Tür und betrete den Raum.
Auf dem Gewebe passiere die Schreibmaschine (26), an der Wand hängend. Sie bläst die Wörter ins Gesicht. Hebe sie auf, bürste sie ab, um zu sehen, was sie sagen.
Sprachaufbruch – schreiende Quittung.

Eine solche Anleitung erheitert – denn alle formalen Kriterien technisch-rationaler Anleitung sind erfüllt. Klar aber ist: Irgendetwas stimmt nicht.

Kunst verunsichert die mediale Wahrnehmung der Welt.

Man muss sich bei solcher Konfrontation zwangsläufig aber immer auch fragen: Was nehme ich wahr – und wie? Welche – selbstverständlichen – Formen ermöglichen mir, die Welt um mich herum wahrzunehmen? Woher weiß ich überhaupt etwas? Wie komme ich zu meiner Meinung?

„Alles, was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien“, hat der schon erwähnte Soziologie Niklas Luhmann auf den Punkt gebracht behauptet. Man kann sich darüber streiten, wie sehr das zutrifft. Klar aber ist, wie sehr wir von Medien abhängen – und wie sehr die Medien ihre eigene Realität erzeugen. Damit ist keine „Verzerrung von Tatsachen“ gemeint, vielmehr ein Strom, zum Beispiel der eines laufenden Radioprogramms. Immer muss sich dabei für ein Programm entscheiden. Denn so etwa klingt es, wenn eine solche Selektionsmöglichkeit hätte.

Der ungarische Künstler Szabolcs Kisspál macht diesen Zugang zur Realität in einer Ton-Installation auf der Ostrale erfahrbar. Er schrieb für dieses Werk 23 Radiosender an mit der Bitte, eine Aufnahme der Hatikvah zu spielen. Sie war 1945, am 5. Tag nach der Befreiung von den Überlebenden von Bergen-Belsen gesungen worden. Die Ausstrahlung sollte am 69. Jahrestag dieses Ereignisses, am 20. April 2014 stattfinden.

Was die Sender während dieser Zeit gleichzeitig sendeten, bringt Kisspál in die Installation: die meisten Sender haben dabei nicht mitgemacht. Die Gründe dafür lassen sich in der Installation nachlesen. Manche Programmverantwortliche schreiben, das´Programm sei nicht so flexibel. Andere weisen darauf hin, dass die Qualität der Aufnahme zu wünschen übrig ließe.

Die Kunst sucht sich eine neue Aufgabe.

Die Installation ist so auch als böser Kommentar auf diese Moderne lesbar. Das singulär geglaubte Ereignis des Holocaust geht im medialen Rauschen unter, und eine einfache Erklärung dafür ist nicht zu finden. Es gibt mehr Gründe für Dinge, als es Dinge gibt. Einig ist man sich nur darin, dass ein gemeinsamer Moment nicht mehr gefunden werden kann – ja vielleicht nie existiert hat. Doch das Problem wird nie aktuell, weil jeder nur eine Welt sieht, nur einen Radiosender zur gleichen Zeit hört. Alles andere wäre Chaos – und ist Kisspáls Installation das Chaos, das wir hören.

„Around You“ lautet das diesjährige Motto der Ostrale. Wenn man am Ende nicht mehr weiß, was das ist, hat sie wohl gewirkt, die Kunst.