Ihr seid schnell relativ groß geworden, habt inzwischen unter anderem als Vorband von Jimmy Eat World gespielt und jetzt auch den Ostpol ausverkauft. Habt ihr erwartet, dass ihr so erfolgreich werdet und hattet ihr eine Art Karrierekonzept?

Laura: Also ich glaube was viele Leute nicht wissen, die vielleicht jetzt so von Moby Dick oder sowas auf uns gekommen sind, ist dass wir schon ganz lange davor Musik gemacht haben und lange in dieser DIY-Szene waren. Wir haben zum z.B. unsere allererste EP mit nem Kassettenrekorder aufgenommen und die einfach so ins Internet gehauen. Danach haben wir ein Tape veröffentlicht mit einem Label in den USA, danach haben wir unsere EP Furry Dream veröffentlicht. Das heißt es waren schon so 4 Jahren davor eigentlich, die die Band aufgebaut haben und gemerkt, dass das gut funktioniert und einen Sound gefunden. Und jetzt ist eben dieses Album da und das Team rund um Label und Vertrieb darum hat das auf ein Level gehoben, dass auch der, ich würde mal sagen Indie-Mainstream davon erfährt. Also wir wollten das schon, das passiert nicht einfach so, man muss das schon ein bisschen wollen.

Andreya: Wir haben schon viel gemacht, aber jede Band die bekannter wird – das passiert sehr selten, glaube ich, also so was wie Sheer Mag vielleicht, einfach nur so, sondern meistens hilft dir jemand. Alleine schaffst du das gar nicht, du kennst einfach gar nicht die Leute, die dich da weiterbringen können.

Laura: Und ich glaube, das sind immer Bands, die daran auch gezielt arbeiten. Ich glaube, das gibts nur noch ganz selten, diese A&R-Manager, die hinten im Club stehen und sagen ‚Wir bringen euch ganz groß raus.‘ Also wir haben schon darauf hingearbeitet.

Das kam also nicht alles einfach aus heiterem Himmel?

Andreya: Es wurde plötzlich alles viel professioneller und dass dann so Resonanz kam, hat uns irgendwie voll erschlagen und dass die erste Single so voll gut lief und dass dann amerikanische oder englische Medien darauf reagiert haben, war dann noch krasser. Und bei jedem, was grad so passiert, denken wir immer nur ‚Oh mein Gott!‘ Das hört irgendwie gerade nicht auf.

Wenn die eigene Musik in die Sphäre öffentlicher Rezeption gelangt, entwickelt man dann eine andere Wahrnehmung? Reflektiert man sich als Band anders? Und wenn ja, entwickelt sich das sukzessive oder abrupt?

Andreya: Sobald du es schaffst, das irgendwie zu verstehen, ist die Realität schon wieder ganz woanders. Bei uns war das so, dass das Album rauskam und dann gabs positive Resonanz und wir so ‚Was? Habt ihr euch die Songs wirklich angehört?‘ (lacht)

Laura: Das Album ist auch echt unter so einem Zeit- und Gelddruck entstanden. Wir haben uns da jetzt nicht endlos Zeit gelassen. Wir hätten schon noch viele Sachen anders gemacht und waren auch noch sehr sehr kritisch mit uns, mit dem Album, deswegen sind wir fast so ein bisschen überrascht, dass jetzt die Visions und der Musikexpress und die Intro, irgendwie alle, sagen, dass das gut ist. Und die BBC und Stereogum und wir denken uns so ‚Boah, wir könnten das eigentlich noch viel viel besser machen.‘ Aber vielleicht ist es auch dieser besondere Charme, wenn die Leute das hören, dass das eben nicht so poliert ist und paar Fehler drin sind.

Macht das dann auch ein wenig Druck, dass man halt so denkt, wir müssen jetzt professioneller sein und voll abliefern, jetzt können wir nicht mehr einfach machen, worauf wir Bock haben?

Laura: Ich glaube wir hatten von Anfang an hohe Ansprüche an uns. 2012/2013 waren wir in den USA und als wir wiedergekommen sind, meinte Andreya zu mir, wir müssen jetzt 2x die Woche proben und so und ernster machen und besser spielen. Da waren wir eigentlich relativ schnell aus diesem reinen Larifari-Ding raus, wobei wir auch immer noch voll viel Spaß haben. Wir sind jetzt keine Profimusiker oder so.

Andreya: Außerdem ich glaube viel von dem, was wir machen, macht halt Spaß auf der Bühne, deswegen mussten wir da gar nicht verändern. Lange haben wir auch zu dritt gespielt und jetzt sind wir zu viert. Das macht das Ganze professioneller und viel aus, weil der Sound viel besser ist. Man kann mehr chillen in seinem Instrument.

Ihr klingt jetzt nicht wirklich glatt, aber schon ein bisschen polierter als auf euren früheren Aufnahmen. Ist das den gehobeneren Produktionsbedingungen geschuldet oder geht das konform mit euren ästhetischen Vorstellungen? Könntet ihr euch vorstellen, popmäßig in die Vollen zu gehen oder wollt ihr euch so eine gewisse Rohheit beibehalten?

Andreya: Wir hatten auf jeden Fall Bock wegzugehen von dem mega-distortet. Wir hatten auch schon auf den ersten Aufnahmen die Möglichkeit gehabt, das anders zu machen, also nicht so dreckig, aber da wollten wirs schon so mega-garagy haben. Dann haben wir das analog aufgenommen, aber digital gemischt. Und dann waren wir gar nicht mal so zufrieden mit den Aufnahmen, das war für uns dann bisschen too much, deswegen wollten wir das ganz analog aufnehmen, so von wegen ‚du nimmst einen Take auf und so klingt es dann und viel kannst du eigentlich nicht mehr dran verändern.‘ Und das klang dann auch viel klarer und polierter, ein bisschen zahmer vielleicht auch. Also es war schon gewollt. Moby Dick war schon ein bisschen polierter, aber so mega-poppig wird es wahrscheinlich nie. Aber so was wie Parquet Courts, das ist ja auch Indie Musik, aber gut produziert – so was in der Art finden wir schon spannend.

Aber es war schon eine bewusste Entscheidung, von diesem Punkigen und dreckigen Garagigen wegzugehen?

Andreya: Ja, das haben dann die Songs auch nicht mehr so wirklich hergegeben.

Laura: Ja, also wir sind ja auch selber mit unseren Instrumenten besser geworden. Auch dadurch, dass Andreya angefangen hat, mit der Gitarre Songs zu schreiben und dadurch ist sie auch an der Gitarre besser geworden und hat angefangen Songs zu schreiben, die nicht nur ein oder zwei Teile haben, sondern auch eine Bridge oder so was und dann verlangt der Song schon fast, dass man ihn ein bisschen hörbarer aufnimmt.

Euer Sound geht ja durchaus auch ins Grungige und ihr seid Mädels. Bei einem Namen wir Gurr kommt da schnell die Assoziation Riot-Girl-Movement auf. Seid ihr davon musikalisch oder ästhetisch beeinflusst?

Laura: Ich bin gar nicht mit Riot-Girls großgeworden. Andreya kennt sich da ein bisschen besser aus und hat mir Bikini Kill gezeigt. Ich kannte nur Le Tigre, aber eher nur vom Namen her. Ich bin eher mit Brit-Pop groß geworden und hab, als wir angefangen haben, eher diese dritte Welle von Frauenbands gehört, also Vivian Girls und Best Coast und so was. Und dann bin ich erst später auf die Riot-Girls gekommen, fand das aber musikalisch nie wirklich interessant. Politisch natürlich total wichtig. Es ist schlimm, dass es anscheinend immer noch wichtig ist und Frauen nicht einfach gleichberechtigt in der Musikindustrie wahrgenommen werden und teilweise auf Riot-Girl reduziert werden, deswegen ist dieses Riot-Girl fast selber zu seinem größten Feind geworden mittlerweile, finde ich. Selbst Kathleen Hanna ist es total leid, darauf angesprochen zu werden, weil sie immer noch nicht als gleichberechtigte Künstlerin, sondern nur in ihrer Rolle als Frau wahrgenommen wird und das immer reflektieren muss. Keine Männerband muss in einem Interview über ihr Geschlecht reden, Frauenbands müssen das immer tun.

Was haltet ihr grundsätzlich davon, wenn Kunst als Plattform für Politik genutzt wird? Könntet ihr euch vorstellen über Medien wie Make Up oder Mode politische Botschaften zu vermitteln?

Andreya: Ich glaube, dass es eh sowieso passiert, ist ja ne Entscheidung ob man das wie Pussy Riot so aktivistisch macht, aber also wenn man auf der Bühne ist, ist das glaube ich an sich politisch. Ich kann mir vorstellen, dass gerade wenn du größer bist, hast du wahrscheinlich eher diesen Urge und denkst ‚okay ich erreich voll viele Leute‘ und willst irgendwie als Vorbild fungieren.

Ihr seid auch in so einer Slacker-Playlist. Fühlt ihr euch musikalisch in den 90ern heimisch?

Laura: Nicht so wirklich, Sleater-Kinney z.B. war nie so ein Einfluss, sondern eher Breeders, Amps, 52s und Gun Club. Aber ansonsten hören wir auch viel Wave, was auch auf dem neuen Album so ein bisschen durchkommt: also Joy Division, Interpol.

Andreya: So Bands wie Le Tigre hab ich früher auch gehört, viel Punk und jetzt so Queerbeet. Aber manchmal höre ich auch mega schlimme Sachen, also auch mal Katy Perry oder so.

Ist es eigentlich eine pragmatische oder eine ästhetische Entscheidung, dass ihr bis auf den Song Walnuss eure Lyrics auf Englisch schreibt? Und warum grade Walnuss auf Deutsch?

Andreya: Ich schreib vor allem Lyrics auf Englisch, weils mir irgendwie einfacher fällt. Als ich damals mit Songwriting anfing, war mein Englisch grottig, ich hab immer so Wörter nachgeschaut und nicht gekuckt, in welchem Kontext man sie benutzt und dann war das halt mega falsch. Und wenn man singt, hat man ja auch so einen Rhythmus und als wir Walnuss auf Deutsch machen wollten, da wusste ich gar nicht, wie ich das schreiben soll. Alles was ich geschrieben hab, hat sich angehört wie Isolation Berlin oder Die Nerven. Vielleicht weils so wenige deutsche Bands gibt, hört man sich gleich in jemand anderem und bei englischsprachiger Musik ist das nach dem Motto ‚Es kann irgendwas sein.‘ Deswegen ist das bei mir so ein bisschen aus Bequemlichkeit.

Laura: Wir hatten Walnuts erst auf Englisch geschrieben, deswegen hatte Andreya eigentlich ihre Gesangsmelodie schon gefunden. Die englische Version ist von der Intonation und der Gesangsmelodie her genau wie die deutsche und dann wurden wir zu der Sendung „Pfeiffers Ballhaus“ eingeladen, wo eigentlich junge Bands vor einem Rentnerpublikum performen und da war die Bedingung, dass wir auf deutsch singen; und wir wollten keinen Punksong auf deutsch machen, weil wir Deutschpunk oft ganz schrecklich finden und dann fanden wir Walnuts cool, weil er durch dieses Wavige – deswegen wunderts mich auch, dass Leute Neue Deutsche Welle sagen – eher wie ein Post-Punk-Song klingt.

Andreya: Wenn deep genug digt findet man auf Spotify den Song Metropole von uns, der auf dem Soundtrack des Filmes „Desire Will Set You Free“ ist – der hat auch deutsche Lyrics und das ist so ein bisschen eine Parodie auf Ideal und so was.

Laura: Ästhetisch mein großer Kritikpunkt an voll vielen deutschen Bands außer Die Nerven oder so, wenn sie auf Englisch singen ist immer, dass das sehr nachgemacht klingt, und deswegen kann ich verstehen, wenn viele Leute, auch Journalisten zu uns sagen, dass Walnuss gut ist und wir weiter in die Richtung gehen sollten. Aber für uns war es auch immer so, dass wir nicht nur immer in Deutschland bleiben wollten, sondern auch in andere Länder wie z.B. England und eben auch selbst viele englischsprachige Bands hören. Aber ich könnte mir vorstellen, nachdem das so gut geklappt hat mit Walnuss, dass wir in Zukunft auch was zweisprachig machen. Dass das so eine Art Challenge ist.

Wie seht ihr euch selbst in der deutschen Musiklandschaft? Es gibt ja schon so ein relativ großes Netzwerk an deutschen Underground- und Indiesachen, seid ihr da irgendwie vernetzt?

Andreya: Ich glaube alle sind so ‚Hä? Warum werden die jetzt gehypt?‘ (lacht)

Laura: Also wir kennen auf jeden Fall in Berlin viele coole Bands, wie z.B. The Odd Couple und haben letztens auch mit den Nerven zusammengespielt und mit Kevin Kuhns anderer Band Wolf Mountains. Wir sind voll happy und dankbar, dass alle so nett zu uns sind und finden es auch voll inspirierend, mit denen zu reden, weil man sich voll gute Tipps holen kann. Es bedeutet mit irgendwie mehr, wenn jemand wie Kevin etwas zu unserem Konzert sagt und es ihm gefällt, das ist dann schon cool. Auch Oum Shatt haben wir kürzlich kennengelernt und finden wir voll gut. Die singen ja auch auf Englisch und der hat so einen starken deutschen Akzent, das finde ich richtig cool. Da kommt dann wieder so etwas Eigenes mit rein – und dieses Psychedelisch-Orientalische, ich kenne keine Band, die so klingt.

Andreya: Der klassische Weg einer deutschen Garage-Band, ist auf Facebook alle anderen Bands zu stalken und die Promoter anzuschreiben und so lange zu nerven, bis man irgendwo spielen darf. Wir haben da auch schon viele Leute inzwischen kennengelernt.

Aber ihr seid in jedem Fall ein bisschen internationaler orientiert und ambitioniert, über Deutschland hinaus zu gehen?

Laura: Wir dachten halt so, Walnuss machen wir für deutsche Radios und dann fanden die das bei BBC auch toll und haben das gespielt. Wir könnten da auch die ganze Zeit sonstwas singen. Aber unsere neue Single #1985 mussten wir gerade fürs englische und amerikanische Radio neu aufnehmen, weil wir da zu oft ‚fucking‘ sagen. Das darf man da nicht.

Andreya: Wir haben heute so ein sheet bekommen für eine Session beim englischen Radio und da stand ganz fett so: „We’re not gonna play tracks with swearing.“

Laura: In Deutschland gibts halt so was wie Sofaplanet-Liebficken oder so Scheiß.

Was steht bei euch in Zukunft an?

Laura: Wir touren 2017 eigentlich non stop. Weil wir jetzt eine englische Bookingagentur haben vor allem in England, nicht so viel in Deutschland erst einmal. Aber im August dann auf jeden Fall auch auf dem Appletree zum Beispiel. Wir machen uns aber auf jeden Fall auch schon Gedanken zur nächsten Platte.

Andreya: Wir sind auf jeden Fall auch auf vielen kleineren deutschen Festivals.

Ok, super, dann danke für das Interview!

Laura: Danke auch!