Ein verlassener Zirkus am Rande der Stadt. Die letzte Vorstellung ist schon lange vorbei, das Lachen ist verklungen, der Glanz ist verblasst. Die Kulissen, in denen einst Traum und Wirklichkeit verschwammen, verfallen langsam und warten nur darauf, bis sie von der Zeit dahingerafft werden. Da zerreißt das Knarzen einer verzerrten Gitarre die Stille und durch einen Riss im zerfledderten Zirkuszelt erhascht man einen Blick auf drei Jungs in der Manege. Ihre Gesichter sind von den langen Haaren verdeckt und es scheint, als spielten sie die Show nur für sich selbst. Vorhang auf für The Wytches!

Vorhang auf für The Wytches!

So oder so ähnlich muss man sich die Szenerie vorstellen, in die einen das Trio aus Brighton entführt. Es sind düstere, etwas unwirkliche Welten, die trotz ihrer offensichtlichen Bedrohlichkeit den Hörer anziehen wie das Licht die Motten. Die drei Jungs spielen und schreiben am besten zusammen, wenn sie mit etwas Wut im Bauch den Proberaum oder die Bühne betreten. Diesem latenten Gewaltpotential verliehen sie schon früher in verschiedenen Hardcore-Bands Ausdruck, Musik war so schon immer ein emotionales Ventil für die Band. Dabei reichen die Einflüsse des Sängers Kristian Bell weit: große Songschreiber wie Leonhard Cohen aber auch Indiebands wie die Artic Monkeys inspirieren ihn.

Viel hört man dabei auf Annabell Dream Reader aber nicht. Möchte man dem Kind einen Namen geben, weil man muss, trifft es wohl am besten „Grunge“ – und das ist nun wahrlich nichts Neues. Trotzdem ist es eine herrlich unkonventionelle und unkonzeptionelle Platte. Ein Mix, der sich aus den verschiedensten Rockschubladen von Metal über Grunge bis hin zu Surf und eben auch Doom alles herauspickt, was er braucht. Nicht mehr und nicht weniger.

Annabell Dream Reader ist ein kurzweiliges und damit gutes Debut, das aber auch nur als solches funktioniert. Es klingt frisch – nicht, weil es einen völlig neuen Sound hat, sondern bereits Bekanntes neu kombiniert. Immer wieder wird man als Hörer überrascht, wenn die klare Surfgitarre die verzerrte Grunge-Stimmung durchschneidet. Doch wird keine Gute-Laune-Beachparty-Surfmusik daraus. Die Grundstimmung des Albums wirkt wütend, verbittert, manchmal fast verzweifelt. Besonders dann, wenn Bell die imaginäre Gestalt der Annabell anruft.

Wütend, verbittert, manchmal fast verzweifelt

Der Wut, der Dunkelheit und dem vermeintlichen Okkultismus zum Trotz verkörpert die Band aber doch ein anderes Image, als ihre Musik vermuten lässt. Ihnen geht es einzig und allein darum, so viele Shows wie möglich zu spielen und dabei Spaß zu haben. Sie treiben sich nicht nachts auf Friedhöfen herum und sind auch nicht überdurchschnittlich depressiv. Eher machen sie sich über alles ein wenig lustig. So auch bei dem Neologismus „Surf Doom“, den sie sich nur einfallen ließen, weil es lustig klang.

I’m just bored of intellectualising, it’s so boring. Just do something. Stop talking.

Kristian Bell

Bell und seine zwei Kumpels sind eben Macher. Sie machen soliden Rock. Ein gutes, kraftvolles Debut, das aber nicht für die Ewigkeit bestimmt ist. Wirklich messen lassen müssen sie sich dann bei ihrem Nachfolger. Und vielleicht finden wir dann auch raus, wer eigentlich Annabell ist.