Unsere Nachtzugreise von Moskau nach Samara ermöglicht uns im Gegensatz zur Ankunft in Moskau ein entspanntes Aufstehen und weniger Stau vor den Toiletten am Morgen. Das Wetter zeigt sich leider etwas trübe. Ab Sysran ist die an dieser Stelle teils mehrere Kilometer breite Wolga unser nahezu steter Begleiter, der Schiffsverkehr hält sich angesichts der nahenden Frostperiode jedoch in Grenzen. Auf dem Bahnsteig in Samara empfängt uns Maxim, der Leiter des Internationalen Zentrums der SamGUPS und führt uns zum Bus der Uni, der uns auf den Campus im Sovetskiy Rayon (Stadtteil) bringt. Hier haben wir kurz Gelegenheit, die Räumlichkeiten zu beziehen und uns für den Empfang durch den Prorektor frisch zu machen, der traditionell im repräsentativen Konferenzraum der Universität stattfindet. Im Anschluss werden uns noch die Räumlichkeiten, insbesondere die Sporteinrichtungen, in diesem Gebäudekomplex gezeigt. Nach diesem Pflichttermin sieht das Programm für diesen Tag nichts Weiteres vor, so dass wir nach dem Abendessen, welches wir von der Mensa zum Mitnehmen ins Wohnheim erhalten, Samara noch etwas auf eigene Faust erkunden. Hierfür nutzen wir die Metro bis zum aktuellen Endpunkt Alabinskaya nahe des mehr oder weniger Stadtzentrums, nachdem wir zuvor einmal zum nördlichen Endpunkt Yungorodok gefahren sind, wo sich auch das Depot des Betriebs mit nur einer Linie befindet. Eingesetzt wird das russische Metromodell schlechthin (81−717÷714) als Vier-Wagen-Züge in einem 10-Minuten-Takt, wobei am Abend nicht mehr allzu viel los ist. Wir gehen im Zentrum noch zur Wolga hinab und suchen für ein Bier noch ein schwimmendes Restaurant am Ufer auf.

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Die Metro Samara an der Station Pobeda (Sieg). | Foto: Hannes O.

Der nächste Tag hält zwei große Programmpunkte für uns bereit: Nach dem Frühstück in der Mensa, besuchen wir zunächst das Museum des 9. Eisenbahnbaubataillons, auf dessen Gelände sich eine der größten Fahrzeugausstellungen Russlands wie auch einige Gebäude der maschinentechnischen Fakultät der SamGUPS befinden. Als einzige Uni in Russland verfügt sie über eine Art kleines Depot in Form einer Halle mit Fahrzeugen, an denen Studenten verschiedene Praktika durchführen können. Zudem gibt es einen Hörsaal mit Blick in diese Halle. Das Wetter zeigt sich am Mittag schon etwas besser, die Straßen sind jedoch teilweise immer noch überflutet mit einer trüben braunen Soße, die an vielen Stellen riesige Pfützen bildet und die Kanalisation entweder nicht verkraftet oder gar nicht erst erreicht. Erst im Zentrum gibt es wieder bessere Straßen. Nach dem Mittagessen kommt sogar etwas die Sonne heraus als wir uns zum Korpus Nr. 9 aufmachen, wo wir im internationalen Klub „Meridian“ ein paar Studenten der SamGUPS kennenlernen sollen. Die Veranstaltung wirkt trotz (oder wegen?) der lauten Ansagen von Irina, der stellvertretenden Leiterin des internationalen Zentrums der SamGUPS, etwas chaotisch, doch am Ende haben wir doch Kontakt zu ein paar Studenten, die mit uns den Abend in einer Bar verbringen wollen. Nach einem kurzen Halt am Wohnheim geht es dann in mehreren Uber-Taxis zur Bar Ы, wo es noch etwas Schaschlik und Wodka, einiges an Bier und stundenlanges Tanzen gibt. Erst nach Mitternacht machen wir uns auf den Heimweg.

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Dauerregen flutete die Straßen Samaras. | Foto: Hannes O.

Der dritte Tag bringt uns zunächst eine längere Busfahrt mit ungewollter Verlängerung ein: Wir besuchen den Rangierbahnhof Kinel, etwa eine Stunde Autofahrt östlich von Samara gelegen. Noch im Samaraer Stadtgebiet wird unser Bus jedoch von der Verkehrspolizei angehalten und der Fahrer muss ein Bußgeld entrichten, da der Bus über keinen Fahrtenschreiber verfügt. Nach Maxims Worten sei dieser wohl teurer als der ganze Bus (was auch daran liegen mag, dass es sich bei dem Bus um ein Geschenk der Südural-Eisenbahn handelt). Der Rangierbahnhof Kinel liegt an der Hauptstrecke von Samara nach Ufa und stellt eine einseitige Anlage dar, d.h. es gibt nur einen Ablaufberg mit einer Einfahr- sowie einer Richtungsgleis- und einer Ausfahrgruppe. In der Einfahrgruppe werden die Eingangszüge in einzelne Wagen und Wagengruppen zerlegt und werden dann von einer Rangierlok über den sog. Ablaufberg gedrückt, von wo aus sie dann mittels Schwerkraft in die einzelnen Richtungsgleise bergab rollen und zu neuen Zügen zusammengestellt werden. In der Ausfahrgruppe werden die Züge dann fertig gebildet und die Zuglok übernimmt diese wieder. Die Anlage in Kinel arbeitet teilautomatisch, d.h. der Ablauf der einzelnen Wagen(gruppen) geschieht rein computergesteuert, wobei die Bedienung der sog. Berglok (die den Wagenzug über den Berg drückt) durch einen Lokführer erfolgt, der seine Befehle vom Stellwerk erhält. Nur bei Bedarf müssen die Stellwerker in den Ablaufbetrieb eingreifen, ansonsten stellen sie nur die notwendigen Fahrstraßen für den sonstigen Rangierbetrieb. Die Anlage in Kinel hat am Tag etwa 50 Züge im Eingang.

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Eisenbahnmuseum Samara. | Foto: Hannes O.

Am Nachmittag werden wir in die Welt der Samaraer Spezialität, dem Luft- und Raumfahrtwesen, eingeführt. Wir besuchen das Kosmosmuseum, welches über eine originale Sojus-3-Rakete verfügt. Samara ist seit dem 2. Weltkrieg die russische Hauptstadt in Sachen Luft- und Raumfahrttechnik und alle Kosmonauten, wie die Astronauten auf Russisch genannt werden, absolvieren ihr Training in der Stadt. So selbstverständlich auch der erste Mensch im Weltall, Juri Gagarin. Im kleinen Museum selbst befinden sich einige Originalgegenstände aus der sowjetischen Raumfahrtgeschichte der vergangenen 60 Jahre. Im Anschluss unternahmen wir noch einen kleinen Spaziergang zur Wolga hinunter, wobei sich das Wetter äußerst wechselhaft zeigte, was uns dazu bewog, doch alsbald wieder mit der Metro ins Wohnheim zurückzukehren.

Stalins Büro im Bunker. | Foto: Hannes O.

Stalins Büro im Bunker. | Foto: Hannes O.

Eigentlich waren einige Leute noch etwas fertig vom Vorabend, da es teilweise erst um 3 Uhr ins Bett und um 8 Uhr aus selbigem wieder heraus ging. Doch wenn am Abend einige hübsche Russinnen vor der Tür stehen kann man diesen schlecht selbige wieder vor der Nase zuschlagen. Trotz beschränkter Möglichkeiten in der Wohnheimküche wurde es doch wieder ein lustiger Abend.

Am vorletzten Tag unseres Aufenthalts stand eine der Samaraer Hauptattraktionen auf dem Programm und das, obwohl sie von außen nicht zu sehen ist, der Stalin-Bunker. Es handelt sich dabei um den tiefsten (bekannten) Bunker eines Staatschefs mit bis zu 40 Meter (zum Vergleich: Hitlers Bunker in Berlin hatte 14 Meter). Er wurde in neun Monaten im Jahre 1941 von Moskauer Metrobauern errichtet, nachdem das Dritte Reich Russland angegriffen hatte und auf dem Vormarsch nach Moskau war. Samara, damals nach dem Revolutionär Kuibyschew benannt, wurde zur provisorischen Hauptstadt erklärt und im Hinterhof eines Gebäudekomplexes – natürlich streng geheim – der Bunker errichtet, dessen Existenz erst nach 1990 bekannt wurde. Ob Stalin ihn jemals betreten hat, ist unbekannt. Der Bunker war nicht für eine dauerhafte Nutzung eingerichtet, sondern lediglich für die Zeit von Luftangriffen. Die Räumlichkeiten in 40 Meter Tiefe in Form eines Büros sowie eines Konferenzraums für die Staatsführung sind den Räumlichkeiten im Moskauer Kreml nachempfunden.

Am Wolgastrand. | Foto: Hannes O.

Am Wolgastrand. | Foto: Hannes O.

Nach dem Mittagessen besuchten wir noch das Museum der Samaraer Staatlichen Universität für Luft- und Raumfahrt. Von einem ehemaligen Piloten und Luftfahrtprofessor wurden wir durch die recht umfangreiche Ausstellung geführt, die über die Anfänge der Luftfahrt allgemein und deren Entwicklung zu Sowjetzeiten wie auch nach der Wende in Russland informiert. Wir durften auch einige Gegenstände wie Helme und einen Schleudersitz anprobieren. Nach einer Vorführung diverser Kurzfilme von Roskosmos über die ISS und das Kosmonautentraining wie auch über den russischen Kampfjet TU-34 und eine Beriyev 200 für Rettungseinsätze, verabschiedeten wir uns nach über zwei Stunde wieder aus der Welt der hohen Lüfte und Sterne.

Auch an diesem – unserem letzten – Abend schauten noch einmal unsere russischen Freunde im Wohnheim vorbei, wobei es nach den beiden vorangegangenen Abenden dann etwas kürzer und weniger bewegt ausfiel.

Typische Straßenszene bei regnerischem Wetter. | FotoFoto: Hannes O.

Typische Straßenszene bei regnerischem Wetter. | FotoFoto: Hannes O.

Den Samstag als unseren letzten Tag nutzten wir erst einmal zum Ausschlafen, obwohl ursprünglich das Museum der Kuibyschewer Eisenbahn auf dem Programm gestanden hätte. Das hatten wir jedoch vorsorglich bereits zuvor mit einem Fragezeichen versehen. Nach dem Frühstück fuhren wir dann noch einmal mit Maxim in die Stadt, wofür wir diesmal die Straßenbahn nutzten, um ein weiteres Verkehrsmittel auf unserer Liste dieser Stadt abhaken zu können. Der Straßenbahnfuhrpark in Samara weist eine recht hohe Typenvielfalt auf, wobei der Klassiker in Form des Tatra T3 dominiert. Hinzu kommt die Weiterentwicklung T3F, der T6, sowie neuere Modelle, wobei die letzte Generation schon komplett niederflurig daherkommmt. Der Gleiszustand erwies sich als ganz passabel und ließ durchaus höhere Geschwindigkeiten zu, auffällig war jedoch eine starke Riffelbildung und an vielen Stellen der unpassende Einbau von Vignol- anstelle von Rillenschienen im Straßenbereich. Eines der Highlights war noch die Wendeschleife im Einkaufszentrum (mit Busbahnhof) Aurora. Bei regnerischem Wetter durchquerten wir einen Wochenmarkt mit allerlei frischen Produkten (teilweise wurde unter einfach gehaltenen Stände vor Ort noch ein Schwein zerlegt) und gelangten auf den Kuibyschew-Platz, der einer der größten Plätze der Welt ist (und sicherlich auch einer der größten Parkplätze). Im Zentrum, das in Samara nicht so klar erkennbar ist, gingen wir dann in einem Bliny-Laden (russische Pfannkuchen) essen und nach einem Gang durch Samaras einzige Fußgängerzone an der polnischen Kirche vorbei zu einer Bushaltestelle. So konnten wir noch ein weiteres Verkehrsmittel auf dem Rückweg zum Wohnheim abhaken, von wo aus uns wieder der Bus der Uni gegen 18 Uhr zum Bahnhof brachte. Hier wartete bereits der Schnellzug aus Orenburg nach Moskau auf uns und wir verabschiedeten uns auf dem Bahnsteig wieder von Maxim und einer weiteren Begleiterin. Nach dem Bezug der Betten suchte die Hälfte der Gruppe dann alsbald den Speisewagen auf, wo es nach recht langer Wartezeit, die mit Bier überbrückt werden konnte, ein sehr köstliches, frisch zubereitetes Abendmahl gab.