Kelly Lee Owens

BY

Kelly Lee Owens

Release

24.03.2017

Label

Smalltown Supersound

„Time was passing, nothing was happening“ heißt es in Kelly Lee Owens’ erster Singleauskopplung „Anxi.“. Nothing was happening, der Knalleffekt blieb aus, stattdessen uneingelöstes Warten und Langeweile. Was aber, wenn sich die Perspektive vom Antizipierten, dem Ereignis auf das Dazwischen und das Warten selbst verschiebt? Kelly Lee Owens generiert vornehmlich aus seiner Atmosphäre, dem Rauschen und Knistern, das die Songs umwölkt, Spannung: Musik im Spatium, die das Leben zwischen den Ausschlägen erforscht und sich für den Moment sensibilisiert. Die Sekunden werden isoliert und gedehnt, die Zeit wird Stück für Stück weiter geschoben. Erlösung ist auf Kelly Lee Owens Debütalbum kein auf den Zukunftshorizont projiziertes Konzept, sondern unmittelbar im bewussten Augenblick erfahrbar.

Schon das eingangs erwähnte „Anxi.“ kultiviert dieses Leerstellenspiel mit eigentümlicher Leichtfüßigkeit und verrichtet in Hinblick auf die weiteren Geschehnisse einen zuverlässigen Botendienst, denn genau diese aus der Verquickung von narkotischer Raumzersetzung und Greifbarkeit erwachsende Attitüde prägt im Wesentlichen auch das restliche Album. Die Flächenauskundschaftung erfolgt hier immer vorschriftsmäßig mit Sicherheitsgurt und Vorab-Navicheck, verläuft sich nie in den Schlund spinnwebenverhangener Ambienthöhlen und verliert den Song nie ganz aus dem Blick. Besonders in der erste Hälfte streicht Kelly Lee Owens durch die Felder poppigen Ambients und lässt seine Songs stetig in verwunschene Träume umschlagen.

Bei aller Tiefenkontur wird hier also keineswegs auf die Romantik anstrengungslos abpflückbarer Melodien verzichtet: „S.O“ ist vollendete, streichergetünchte Sanftmut und „Arthur“ lässt lieblich ausgehauchte Uhs über einen verkanteten Ploppbeat laufen. Lucid björkt zunächst feenhaft um gegen Ende in erste House-Andeutungen zu münden; und genau hier wird ein Einschnitt markiert, ätherischer Dreampop weicht zunehmend dem Daniel-Avery-geschärften Techno der Vorgänger-EP Oleic, der den Mittelteil von Kelly Lee Owens bestimmt. Das dichte „CBM“ fand sich bereits auf jenem Oleic, ist quasi das logische Verbindungsstück zwischen beiden Werken und Evolution ist staubtrockener Techno aus dem Darkroom, dem die zähflüssigen Beats in Zeitlupe aus dem Leib kullern. Zum Abschluss geht es raus aus dem Club und rein in nächtliche Großstadtstraßen: das flanierende „Keep Walking“ beschwört Massive Attacks „Teardrop“ und mit „8“ verdampft dieses starke Debüt unter hohem Choralgesang schließlich zu Nebelschwaden.