„Thurston Moore is eternal, his music is so fuckin good.“ Text Ende. Nein, obwohl Youtube-Mensch „Brian“ es bereits in perfekter Treffsicherheit auf den Punkt bringt, ist hier dennoch nicht Schluss. Denn es wird sich hinter vorgehaltener Hand zugeraunt, dass es noch Leute da draußen gibt, die nicht darüber unterrichtet sind, dass Thurston Moore Leadsinger der offiziell besten Gruppierung von Menschen aller Zeiten war. Warum es kein justiziables Vergehen ist, Sonic Youth nicht zu kennen und wann endlich gesetzlich verordnet wird, dass diese Band fanboyisch und -girlisch zu lieben ist, sind freilich zwei der letzten großen Fragen der Menschheit. Sonic Youth sind längst eine Institution, in deren Sound Musikgeschichte eingekapselt ist - das Klangbild reicht von No Wave über Indie und Grunge bis zu Art- und Noiserock, zeichnet nicht nur die Entwicklung von Gitarrenmusik seit den 80er Jahren nach, sondern hat sie entscheidend geprägt. Entsprechend groß war der Zäsurmoment, als die Band 2011 nach 30 Jahren und urplötzlich ihre Auflösung verkündete.

Auf der Mikroebene begleitete dieses Ende einer musikalischen Ära das Scheitern einer Ehe und damit das Zerstäuben des letzten Restglaubens an das Konzept der romantischen Liebe. Das Ehepaar Kim Gorden/Thurston Moore war trotz ausgewiesenen Demokratieprinzips und betonter Gleichberechtigung das Aushängeschild Sonic Youths; und während Kim sich Post-Sonic-Youth am Experimental-Anteil des Bandklanges orientiert und ihre freigewordenen Energien in Dröhnwerk und klirrende Brüchigkeit überführt, knüpfen Thurstons Soloambitionen am nahtlosesten an das Spätwerk Sonic Youths an. Das liegt zum einen sicher daran, dass sein Gitarrenspiel schon immer das wohl anschlussfähigste Trademark des Sounds bildete, und zum anderen daran, dass Moore mit Rock N Roll Consciousness nun vielleicht sogar den Höhepunkt seiner Solokarriere präsentiert.

Dieses neue Album wirft zunächst durch seine deklamatorisch anmutende Namensgebung Fragen auf, da es über den Bewusstseinsbegriff sowohl einen knackigen Anspruch formuliert, als dabei auch den Bezug zu einem Genre herstellt, das regelmäßig für tot erklärt wird und tatsächlich mindestens als angestaubt angesehen werden darf. Einem Genre, das eine gewisse Archaik verströmt und unterschwellig immer auch eine machoid angehauchte Kernigkeit suggeriert, der die experimentellen und quer denkenden Rockentwürfe Sonic Youths stets explizit etwas entgegenzusetzen schienen.         Doch schon der Opener „Exalted“ lässt es sich nicht nehmen, jedwede Altherrenrock-Bedenken zu zerstreuen, bevor sie überhaupt die Chance bekommen haben, zu Ende geführt zu werden. 8 Minuten vergehen hier, bevor Moores Gesang einsetzt, davor tauschen Gitarrenlinien Zärtlichkeiten aus, um in ein kurzes Distortion-Feuer zu münden. Dennoch ist das, was auf Rock N Roll Consciousness passiert durchaus Rockmusik in einem konventionelleren Verständnis. Hier warten weder verrauschte Noisebrocken noch dekonstruierter Avantgardismus, sondern verhältnismäßig klare Riffs, natürlich uferlos wie eh und je. Dass es folglich kein Song unter 6 Minuten macht, ist aber nicht eben die Mutter aller Überraschungen, sondern freilich integraler Bestandteil der mooreschen Musikformel. Und obwohl jene Formel automatisch deutlich umrissene Erwartungshaltungen produziert und trotz des Rockmythos befeuernden Ursprünglichkeitsgestus, der Rock N Roll Consciousness durchzieht, gelingt Moore ein weiteres Mal das Kunststück, Altbekanntes aufzurufen und dabei keinen Meter rückwärtsgewandt zu klingen, sondern bewährte Qualitäten einfallsreich und aufregend aufzupolieren.

Der Grund dafür liegt einerseits darin, dass Moore immer den nötigen Sicherheitsabstand zu Rockismen und konservativen Schwingungen des Rockbegriffs einhält, seine Songs traditionsgemäß durch den Dreck schleift und mit einem Distortion-Film verziert und andererseits in dem Umstand, dass Brian ohne Frage recht hat (hat auch keiner angezweifelt, das ist immerhin Youtube-Brian, man!): Thurston Moore is eternal. „Spaced out in timelessness“ heißt es in „Exalted“ und tatsächlich scheint es, als wäre Moore überzeitlich wie Rock ’n Roll selbst, eine schwebende Existenz und Form, die nicht an temporale Ausprägungen gebunden ist. Rock N Roll Consciousness hätte vor 20 Jahren erscheinen können und wird auch in 20 Jahren noch funktionieren. Moores Gitarrenspiel ist der beste Beweis, dass Routinen nicht zwingend in Sackgassen führen müssen: Vieles klingt vertraut, der Sound erinnert oft an Sonic Nurse oder Murray Street, ist sonic-youth-charakteristisch und trotzdem von der ersten Minute an einnehmend wie eh und je. Moores Gitarrenläufe haben beinahe synästhetische Qualitäten kultiviert, wirken als würden sie glühen und leuchten, werden zu eigenständigen Wesen, die für immer bleiben und als sonische Ewigkeit das ausmachen, was man als Bewusstsein des Rock ’n Roll bezeichnen könnte.

Sollte sich in euch Elan für Live-Klänge von Thurston Moore regen: Wir schaffen Abhilfe. Sendet uns einfach eine E-Mail mit dem Betreff “Thurston Moore ist voll der coole Typ” und eurem vollen Namen an gluecksfee@campusradiodresden.de und gewinnt 2×1 Freikarte für das Konzert im Beatpol. Auf dass die Losfee mit euch sei!