Letztes Jahr haben wir uns fleißig am Tippspiel versucht, wer die begehrte Statue mit nach Hause nehmen wird. In der allerersten Ausgabe des Filmmagazin ging es auch gleich um die Oscars. Also: Tradition verpflichtet und wir wollen uns auch diese Jahr nicht nehmen lassen, euch unsere Favoriten zu präsentieren. Diesmal haben wir uns Verstärkung geholt. Wir haben mit Steven Gätjen, live aus Los Angeles, über die diesjährigen Oscars gesprochen. Letztes Jahr war die Kritik groß über die Nominierung, Stichwort #oscarssowhite, und auch dieses Jahr scheint es wieder Kritik zu geben, wie uns Steven verrät. Doch dazu morgen mehr, in der 23. Ausgabe des Filmmagazins.

Nebenbei hat aber Steven uns auch noch seine Favoriten bei den Oscars verraten und diese präsentieren wir euch schon heute. Damit ihr gut vorbereitet in die Nacht von Sonntag auf Montag starten könnt, geben wir natürlich unseren Senf dazu. Wir präsentieren euch unsere Tipps in den sechs Kategorien Bester Film, Beste Regie sowie Beste Haupt- und Nebendarstellerin und Bester Haupt- und Nebendarsteller.

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Moonlight

Trotz all dem Hype um La La Land, denke ich nicht, dass es damit für den besten Film reicht. Die Academy liebt ihre Dramen und im Bereich Drama bietet Moonlight sehr viel. Er läuft bei vielen Oscar-Wahrsagern zwar noch unter dem Radar, ein Geheimtipp ist er aber längst nicht mehr. In der laufenden Award Season hat Moonlight bereits reichlich abgeräumt. Unter anderem wurde er mit einem Golden Globe als bestes Drama belohnt. Und auch die Oscars sind nicht immun gegen gesellschaftliche Debatten. Letztes Jahr musste sich die Academy schwere Vorwürfe anhören. Mit Trump an der Macht und einer eher liberal eingestellten Filmbranche, sind die Oscars natürlich auch eine gute Methode um Zeichen zu setzen. Ein Film der so einzigartig mit Ton experimentiert und es schafft mit Stille so viel Emotionen und Schmerz darzustellen, hat den Goldjungen auf jeden Fall verdient.

Damien Chazelle (La La Land)

Seine Liebe zum Jazz baut Damien Chazelle gern in seine Filme ein und das mit Erfolg. Nach Whiplash hat er mit La La Land einen unglaublichen Hit gelandet. Er hat es geschafft einen Musicalfilm zum absoluten Kassenschlager zu machen. Ich wiederhole, ein Musicalfilm! La La Land ist in aller Munde. Bereits bei den Golden Globes gewann er in den Kategorien Regie und Drehbuch. Damit ist Damien Chazelle mein Anwärter auf die beste Regie. La La Land ist nicht der beste Film, aber er schafft es den Zuschauer auf eine Reise zu nehmen, die stark an das Hollywood der 50er Jahre erinnert. Er ist nicht tiefgründig, aber sehr schön anzusehen.

Emma Stone (La La Land)

Die klassische Kandidatin für das Goldmännchen für die beste Hauptdarstellerin ist Emma Stone in La La Land. Auch wenn zu viel Hype nicht gut ist, meine Stimme hat sie. Emma Stone trägt den Film und spätestens mit ihrem Audition-Song, eine Ode an alle Träumer, ist man in den Bann gezogen. Und so sehr wir alle Meryl Streep verehren, sie hat erstmal genug Goldjungs im Regal stehen.

Denzel Washington (Fences)

Ich weiß schon, ihr alle tippt auf Casey Affleck, der mit seinen traurigen Hundeaugen in Manchester by the Sea alle zum weinen gebracht hat. Ich wage es, mich den Tipps meiner Kollegen zu widersetzen und tippe auf Fences. Bei den Screen Actors Guild Awards hat er bereits den Preis als bester Hauptdarsteller gewonnen. Ein Film um eine schwierige Vater-Sohn-Beziehung und Baseball trifft ins Zentrum der amerikanischen Seele und hat damit gute Chancen auf den Preis.

Viola Davis (Fences)

Aufgrund der unglaublich wunderbar organisierten Kinostarts in Deutschland, ist es gerade vor den Oscars immer extrem schwierig vor der Verleihung alle nominierten Filme zu schauen. Daher gehe ich das Ganze taktisch an. Die schauspielerische Leistung von Viola Davis als Ehefrau von Danzel Washington in Fennes ist hochgelobt. So erhielt sie bereits den Screen Actors Guild Award in der Kategorie "Beste Nebendarstellerin". Ich stimme ein und denke, dass auch der Oscar für die beste Nebendarstellerin an Davis gehen wird.

Mahershala Ali (Moonlight)

Daddy Issues sind ein zentrales Thema in amerikanischen Dramen. Vor allem durch ihr Fehlen zeichnen sich viele dieser Väter aus. Auch Moonlight dreht sich darum. So nimmt sich Mahershala Ali als krasser Gangstertyp Juan nimmt sich dem vernachlässigten Little an. Ali schafft es Drogendealer und liebevoller Mentor für Little zu vereinen. Dafür darf er gerne den Goldmann mit nach Hause nehmen.

Moonlight

Die Academy hatte in den letzten zwei Jahren mit 12 Years a Slave und Spotlight zwei Filme ausgezeichnet, die ein schweres moralisches Thema behandelt haben. Sie konnten nicht die meisten Preise mit nach Hause nehmen, aber dafür den Wichtigsten: bester Film. Deswegen glaube ich, dass Moonlight die besten Chancen auf den Strahlemann in dieser Kategorie hat. Die Thematik und Schauspielleistungen schreien gerade nach Oscar. Mit teils poetischen, wunderschönen Bildern wird das schwere Leben eines schwulen, schwarzen Jungen in drei Kapitel erzählt. Die eigenwillige Erzählweise wird zwar nicht jedem gefallen, dafür ein tolles Drama mit behutsam eingesetzten Höhepunkten.  

Denis Villeneuve (Arrival)

Das ist eine sehr schwierige Wahl in dieser Kategorie. Damien Chazelle kann einfach Musikszenen inszenieren. Mel Gibson kann einfach Schlachtszenen inszenieren. Und Denis Villeneuve kann's einfach. Vom emotionalen Familiendrama Prisoners zum höllisch spannenden Sicario bis zum diesjährigen Arrival – diesem Mann scheint alles zu gelingen. Mit seinem Erstkontakt-Film verbindet er auch all seine Stärken: grandiose Bilder, tiefgründige Handlung und vor Spannung überquellende Szenen. Nach so vielen guten Filmen gewinnt Villeneuve dieses Mal sicherlich die beste Regie. Mit Blade Runner 2 und Dune hat der Kanadier aber auch weitere Filme in der Pipeline, falls es doch nicht klappen sollte.

Emma Stone (La La Land)

Ganz klar, Emma Stone. Sie ist ungeheuer beliebt in Hollywood und war mit Birdman vor zwei Jahren bereits nominiert. Außerdem hat ihr Song aus La La Land – The Fools Who Dream auch große Chancen auf den Sieg. Im Musicalfilm ist sie ohne Frage die emotionale Stütze der Handlung. Sie kann sich dort schauspielerisch fast vollends austoben. Darf lachen, weinen, schreien und dass alles teilweise auch noch singend. Ihre charmante und bezaubernde Art passt perfekt zur Stimmung des Films und das Verhältnis zu Ryan Goslings Charakter ist nach der dritten Leinwandbeziehung, sowieso über jeden Zweifel erhaben.

Casey Affleck (Manchester By The Sea)

Ich rechne mit einem Zweikampf zwischen Casey Affleck und Denzel Washington. Wobei Ben Afflecks kleiner Bruder wahrscheinlich leicht die Nase vorn hat, weil Herr Washington seinen Goldjungen schon hat. Die Rolle als vom Schicksal gebeutelter Vater, der innerlich so gut wie jeden Funken Emotion verloren hat, ist wie für ihn geschaffen. Das wehleidige Gesicht und die teilnahmslose Sprache fusionieren zu einer gequälten Seele, bei der es schwerfällt, hinzusehen. Dieses Spiel hat Casey Affleck in einigen Filmen schon gezeigt, aber noch nie so nuanciert präsentiert. Man wünscht sich für ihn einfach einen Oscar, damit er im nächsten Film auch mal fröhlich sein darf.

Viola Davis (Fences)

Leider konnte ich Fences bisher noch nicht sehen, aber was Viola Davis bereits in den kurzen Trailer-Clips zeigt, ist beeindruckend. Mit einer schieren Urgewalt schafft sie eine Konterfigur zur Denzel Washingtons Performance. Knapp hinter ihr hat sicherlich Michelle Williams gute Siegerchancen. Sie tritt zwar nur sporadisch in Manchester by the Sea auf, dafür mimt sie eine zerbrechliche und überforderte Frau mit absoluter Hingabe. Beide sind auszeichnungswürdig – aber Viola Davis wird wahrscheinlich am Ende die Nase vorn haben.

Mahershala Ali (Moonlight)

Bisher nur in House of Cards und Luke Cage aufgefallen, hat Mahershala Ali sicherlich nicht davon geträumt, für einen Oscar nominiert zu sein. In Moonlight hat er eigentlich auch nur eine kleine Rolle mit wenig Zeit auf der Leinwand. Trotzdem bleiben diese wenigen Ausschnitte mit am längsten im Gedächtnis. Gerade die tauf-artige Schwimmszene und die wenigen Dialoge mit der verunsicherten Hauptfigur sind einprägsam. Ohne großes Tamtam spielt er eine ehrliche Figur, die nicht viele Drehbuchzeilen braucht, um zu überzeugen. Man darf gespannt sein, wie es mit seiner Karriere weitergeht, wenn er die Trophäe nach Hause nehmen kann.

Moonlight

Immer wieder ist die Academy auch für ein politisches Statement gut, so wie beispielsweise letztes Jahr, als Spotlight als bester Film ausgezeichnet wurde. Deswegen denke ich, dass es in dieser politischen Situation Moonlight werden kann und sollte. Darüber hinaus ist der Film eine interessante Studie über das gesellschaftliche Milieu. Was bedeutet es, nicht nur schwarz, sondern auch noch schwul zu sein? Der Film führt uns vor, wie man zu funktionieren hat ohne den Zeigerfinger zu erheben. Gleichzeitig ist es ein Blick in das intimste der Identität. Ruhige und stilvolle Bilder, flackernde Neonröhren sowie der Einsatz klassischer Musik hinterlassen einen prägenden Eindruck.

Damien Chazelle (La La Land)

Der Goldjunge. Gerade mal 32 Jahre alt und schon scheinbar eine feste Größe im Big Business in Hollywood. La La Land ist gerade mal sein dritter Spielfilm und ist hier bei den Oscars gleich mit 14 Rekordnominierungen dabei. Es macht einfach Spaß in das La La Land abzuheben und mal kurz den Alltag zu vergessen. Es ist ein Ausflug in die Welt der Musicalfilme der 50er und 60er Jahre. Chazelle bringt die Faszination und Intensität der Musik mit einer solchen Leichtigkeit auf die Leinwand, dass man den Film zu gern ein zweites, drittes oder viertes Mal anschauen möchte und jedes Mal die Vorstellung mit einem breiten Grinsen verlässt.

Emma Stone (La La Land)

Ich bin kein großer Fan von Frau Stone. Irgendwie muss ich immer an das Kindchenschema oder an das Meme „Pepe“ denken. Diese leicht brüchige Stimme macht ihr Übriges. Aber hier geht es ja nicht um meinen Geschmack. Die Konkurrenz ist in diesem Jahr, beispielweise Isabelle Huppert (Elle) oder die ehrwürdige Meryl Streep, ist ziemlich stark. Aber als Mia Dolan in La La Land ist sie ziemlich überzeugend und sogar für mich megasympathisch. Außerdem ist sie eine klasse Imitatorin von Britney Spears. Also sollte es mit dem Oscar dieses Jahr doch klappen.

Casey Affleck (Manchester By The Sea)

Ganz ehrlich, so richtig wusste ich nicht wer Casey Affleck ist. Erst durch die Recherche wurde mir bewusst, dass ihn schon das ein oder andere Mal in der Flimmerkiste gesehen habe – verwunderlich. Affleck scheint dazu prädestiniert zu sein, den melancholischen Ton des Films zu transportieren und die Komponenten Humor sowie Tragik zu verbinden. Gleich zu Beginn schafft Affleck der Figur die nötige Tiefe zu verleihen und man hat sofort das Gefühl, dass etwas in seinem Inneren nicht stimmt. Die äußeren schauspielerischen Merkmale bleiben und können nur schwach bleiben, aber für die Rolle ist auch kein stöhnen, krächzen, schreien, schnaufen (...), wie bei DiCaprio letztes Jahr, notwendig.

Octavia Spencer (Hidden Figures)

Ein ganz heißes Eisen scheint Viola Davis (Fences) für diese Kategorie zu sein. Mir persönlich war irgendwie Octavia Spencer (Hidden Figures) sympathischer. Als afroamerikanische Mathematikerin Dorothy Vaughan behauptet sie sich bei der doch so weißen NASA in der Abteilung Coloured Computers. Ich mag vor allem die Ausflüge in den Alltag, wie zum Beispiel die Bibliothek, bei denen Spencer an die vorherrschenden Zustände der Rassentrennung außerhalb ihrer Arbeit gerät. Mit ihrer Figur und natürlich den zwei weiteren taffen Frauen wird die unbekannte Geschichte von schwarzen und weiblichen Mathematikerinnen mit einer gehörigen Portion Selbstironie auf die Leinwand gebracht. Ich würde es ihr aus ganzem Herzen gönnen.

Mahershala Ali (Moonlight)

Eigentlich hätte ich auf Michael Shannon (Nocturnal Animals) als krebskranken und harten Detective getippt. Aber da ist dieses Jahr das politische Etwas das mitschwingt und einen kleinen Vorteil für farbige Darsteller bedeuten kann. Mein Tipp ist daher Mahershala Ali (Moonlight). Schon bei den Golden Globes und weiteren Organisationen wurde er für die Rolle als Gangster mit Herz als bester Nebendarsteller nominiert und teilweise ausgezeichnet . Bei den Academy Awards sollte es eigentlich klappen. Mit dickem Grill im Gebiss hat Ali einen der sympathischsten und herzerwärmendsten Drogenhändler auf die Leinwand gebracht und die zwei Seiten des Lebens deutlich gezeigt.